Henriette und Louis Weinberg
Henriette Weinberg wurde am 18. Januar 1872 in Köln-Rodenkirchen geboren. Über ihre Familie und ihre Kindheit ist kaum etwas bekannt. Vermutlich um 1898 heiratete sie den aus Rheinbach stammenden Kaufmann Louis Weinberg.
Louis Weinberg wurde am 12. Mai 1869 in Rheinbach geboren. Sein Vater Albert und seine Mutter Sibilla betrieben dort ein bekanntes Bekleidungsgeschäft.
Nach der Hochzeit verließen Louis und Henriette Weinberg Rheinbach und zogen nach Euskirchen, wo man zunächst in der Bahnhofstraße ein Geschäft für Herrenbekleidung eröffnete. Später wurde der Laden in die Neustraße 8 verlegt, wo das Ehepaar mit den drei Söhnen und Tochter Elfriede auch wohnte.
Das Krisenjahr 1923 und die Weltwirtschaftskrise verstärkten in den 1920er Jahren den schwelenden Antisemitismus der Bevölkerung weiter. Die NS-Bewegung griff diese Atmosphäre auf und rückte den Antisemitismus ins Zentrum ihrer Politik. Ab 1933 erlebte Familie Weinberg alltägliche Anfeindungen.
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 wurden bis 1945 viele Millionen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt. Sie wurden entrechtet, terrorisiert und angefeindet.
Am 7. Januar 1933 starb Henriette Esser im Alter von nur 59 Jahren.
Louis Weinberg suchte – wie viele andere auch – Zuflucht und Anonymität in der Großstadt und zog im Juni 1935 nach Köln. Dort lernte er Martha Löwenthal kennen und die beiden heirateten. Doch die Drangsalierungen hörten nicht auf.
Völlig entkräftet starb Louis Weinberg am 20. Februar 1939 an einer Lungenentzündung und den Folgen der Verfolgung durch die Nationalsozialisten im jüdischen Krankenhaus in Köln-Ehrenfeld.
Ernst Weinberg
Ernst Weinberg wurde am 17. Januar 1909 in Euskirchen geboren. Er war der jüngste Sohn des Ehepaares Louis und Henriette Weinberg.
Seine Kindheit wurde geprägt durch den Ersten Weltkrieg und das Inflationsjahr 1923. Als junger Erwachsener erlebte er 1929 die weltweite Wirtschaftskrise und den Aufstieg der NSDAP bis zur Machtergreifung 1933.
Am 1. April 1933 rief die neue nationalsozialistische Regierung zu einem Boykott aller jüdischen Geschäfte auf. Auch in Euskirchen formierte sich die SA zu einem Fackelzug und verklebte Schaufenster jüdischer Geschäfte und behinderte die Kunden an deren Betreten. Wer noch in jüdischen Geschäften Besorgungen erledigte, wurde solange angefeindet, bis niemand mehr dort einkaufte. Den Lebensunterhalt zu verdienen wurde für viele jüdische Familien immer schwieriger. Wenige Tage nach dem Boykott übertrug Louis Weinberg das Geschäft an seine beiden Söhne Ernst und Albert. Diese führten den Laden unter schwierigen Bedingungen so gut es geht weiter, mussten ihn jedoch 1936 schließen. Damit verloren beide jegliche Existenzgrundlage.
Ernst Weinberg suchte – wie viele andere auch – Zuflucht und Anonymität in der Großstadt und zog nach der Schließung des Geschäfts nach Köln. Doch die Drangsalierungen hörten nicht auf. Er floh nach Belgien. Dort wurde er aufgegriffen und im Durchgangslager in Mechelen inhaftiert.
Im Juli 1942 richtete die SS in der ehemaligen belgischen Dossin-Kaserne ein Sammellager ein. Es diente vorrangig der Inhaftierung von jüdischen Menschen sowie Sinti und Roma. Von dort aus wurden über 25.000 jüdische Menschen und über 350 Sinti und Roma in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten der Deportierten wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet, nur etwa 1.300 überlebten.
Am 04.04.1944 wurde Ernst Weinberg vom Sammellager in Mechelen nach Auschwitz deportiert, wo er kurz nach der Ankunft ermordet wurde.
Familie Olga und Albert Weinberg
Albert Weinberg war der älteste Sohn von Louis und Henriette Weinberg. Er wurde 1899 in Euskirchen geboren.
1930 lernte Albert die aus Wetter an der Ruhr stammende Verkäuferin Olga Silbersiepe kennen. Die beiden heirateten und zogen in Alberts Elternhaus in Euskirchen, wo 1932 und 1933 auch die beiden Töchter Ruth und Erika geboren wurden.
Die NSDAP-Führung versuchte die Juden durch Verordnungen zu entrechten und zur Emigration zu treiben und schürte dadurch den antisemitischen Terror weiter. Um diesen Terror zu kanalisieren, ließ Adolf Hitler 1935 auf dem Reichsparteitag der NSDAP eine gesetzliche Regelung ausarbeiten. Am 15. September wurden das "Reichsbürgergesetz" und das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verabschiedet. Diese sog. Nürnberger Gesetze stempelten die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Menschen minderen Rechts ab.
Albert Weinberg suchte mit seiner Familie – wie viele andere auch – Zuflucht und Anonymität in der Großstadt und zog nach der Schließung des Geschäfts nach Köln. Doch die Drangsalierungen hörten nicht auf.
Im März 1938 wurde Sohn Erich Weinberg geboren. Um ihn zu schützen, gaben Albert und Olga Weinberg ihn in die Obhut des israelitischen Kinderheims in Köln. Von dort kehrte er vermutlich 1941 nach der Beschlagnahmung des Kinderheims zu seinen Eltern zurück.
Am 09.11.1938 wurden während der sog. Reichskristallnacht jüdische Geschäfte und Synagogen geplündert und in Brand gesteckt. Der Polizei und Feuerwehr wurde verboten einzugreifen. In Euskirchen und dem gesamten Kreisgebiet brannten alle Synagogen bis auf die Grundmauern ab. Nach der Reichspogromnacht wurden im gesamten Reich 30.000 männliche Juden grundlos verhaftet und in eines der drei damals bereits existierenden Konzentrationslager verschleppt. Unter ihnen war auch Albert Weinberg, der am 09.11.1938 zunächst im Arbeitslager in Brauweiler und ab dem 16.11.1938 im Konzentrationslager Dachau inhaftiert wurde.
Die Lager-SS tobte sich an den neuzugegangenen Häftlingen mit besonderer Grausamkeit aus. Hunderte dieser sog. Aktionsjuden wurden ermordet oder starben an den Spätfolgen der erlittenen Haft. Albert Weinberg und die Mehrzahl der überlebenden Inhaftierten wurden ab Dezember 1938 nach und nach wieder entlassen und konnten zu ihren Familien zurückkehren.
Das 1935 verabschiedete „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, eines der sog. Nürnberger Gesetze, verbot die Eheschließung zwischen Juden und Nicht-Juden. Zuvor geschlossene Ehen, sogenannten „Mischehen“, wurden in den folgenden Jahren der NS-Herrschaft aufgrund ihrer Familienzugehörigkeit von zentralen Verfolgungsmaßnahmen und Deportation ausgenommen. Olga Weinberg war arischer Abstammung und evangelischer Konfession. Im Sprachgebrauch der Nationalsozialisten galten sie daher als „privilegiert“. Trotzdem war die Mischehe keine Garantie für ein Überleben. Vor allem lokale Behörden gingen immer radikaler gegen die Mischehen vor.
Viele Betroffene verloren dadurch nicht nur ihre Existenzgrundlage, sondern oft auch Freiheit und Leben. Von den Deportationen blieben die Personen aus „Mischehen“ zunächst noch verschont. Dies änderte sich 1944: Die „arischen“ Partner und „Mischlingskinder“ wurden zu Zwangsarbeit in Lagern verpflichtet, kamen in Konzentrationslager und Gefängnisse. Die jüdischen Partner aus diesen sogenannten „Mischehen“ kamen sofort in die Konzentrationslager. Familie Weinberg konnte durch häufige Umzüge diesem Schicksal entgehen.
Nach dem Krieg kehrte die Familie nach Köln zurück und zog in ein Haus in der Schildergasse.
1974 starb Albert Weinberg im Alter von 75 Jahren, seine Frau Olga vier Jahre später.
Elfriede und Mendel Antmann
Elfriede Weinberg war die einzige Tochter des Ehepaares Louis und Henriette Weinberg. Sie wurde 1904 geboren und wuchs mit ihren Brüdern in Euskirchen auf.
Nach ihrer Schulzeit machte Elfriede eine Ausbildung als Kinderfräulein in Dortmund. Dort lernte sie den Kaufmann Mendel Antmann kennen. Die beiden heirateten 1929. 1932 zog das junge Ehepaar nach Euskirchen und wohnte zunächst in Elfriedes Elternhaus in der Neustraße. Ein Jahr später eröffnete Mendel Antmann ein Bekleidungs- und Schuhgeschäft in der Wilhelmstraße im sog. Bügeleisen.
1938 wurden alle jüdischen Gewerbebetriebe registriert und gekennzeichnet. Kurz darauf wurde Mendel Antmann die Gewerbeerlaubnis entzogen und er erhielt ein Gewerbeverbot. In der Hoffnung auf Anonymität in einer Großstadt, zogen Elfriede und Mendel Antmann im September 1939 nach Köln.
Am 27. und 28. Oktober 1938 ließ das NS-Regime rund 17.000 im Deutschen Reich lebende Jüdinnen und Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft verhaften, ausweisen und gewaltsam zur polnischen Grenze bringen. Mendel Antmann war polnisch-stämmig und hatte nur eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Er und seine Frau wurden am 28.10.1938 nach Bentschen/Zbąszyń gebracht und dort interniert.
Diese als „Polenaktion“ bezeichnete Zwangsausweisung war die erste Massendeportation aus dem Deutschen Reich. Die Verhaftung kam für die Betroffenen vollkommen überraschend. Sie durften nur wenige Habseligkeiten mitnehmen. In bewachten Sonderzügen transportierte die Reichsbahn sie anschließend an die deutsch-polnische Grenze. Die meisten wurden zur Grenzstadt Neu-Bentschen/Zbaszyń gebracht, andere nach Konitz in Pommern oder Beuthen in Oberschlesien. Der erste Transport konnte die Grenze noch passieren, weil die polnischen Grenzbehörden völlig überrascht waren. Später verweigerten sie die Einreise. Die deutschen Polizisten und Wachleute trieben die ausgewiesenen Jüdinnen und Juden daraufhin zu Fuß über die Felder in das Niemandsland im Grenzbereich.
Die Bedingungen vor Ort in Zbąszyń waren vor allem in den ersten Tagen und Wochen katastrophal. Allmählich entstand ein Auffanglager mit Notunterkünften, in denen mehr als 8.000 Menschen teilweise monatelang festsaßen. Jüdische Hilfsorganisationen wie das American Joint Distribution Committee unterstützten sie. Einigen Ausgewiesenen erlaubte das NS-Regime schließlich die vorübergehende Rückkehr nach Deutschland, um ihren Besitz zu verkaufen und ihre Emigration ins Ausland zu organisieren. Anderen gestatteten die polnischen Behörden die Weiterreise ins Landesinnere Polens, sofern sie dort Verwandte hatten. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 fielen diese Jüdinnen und Juden erneut unter deutsche Herrschaft. Nur wenige von ihnen überlebten den Holocaust.
Auch Elfriede und Mendel Antmann wurden Opfer des Holocaust. Wann und wo sie ermordet wurden, konnte nach heutigem Stand der Forschung nicht ermittelt werden.


