Bernhard und Bertha Fröhlich

Um 1870 eröffnete das Ehepaar David und Emilie Fröhlich in der Bischofstraße 21 eine Metzgerei und Viehhandlung. David Fröhlich wurde 1840 geboren und stammte ursprünglich aus Wißkirchen, seine Frau Emilie aus Pattberg. Das Ehepaar hatte vier gemeinsame Kinder: Bertha, Hanna, Bernhard und Norbert. Alle vier erlernten des Handwerk ihres Vaters und übernahmen nach seinem Tod 1924 gemeinsam die Metzgerei.

Bertha Fröhlich, die älteste Tochter des Ehepaares Fröhlich, wurde am 28. Oktober 1870 in Euskirchen geboren. Sie arbeitete in der Metzgerei des Vaters David und führte zwischen 1907 und 1928 auch eine Schuhhandlung in der Bischofstraße 21. Ihr jüngerer Bruder Bernhard wurde am 10. Mai 1874 in Euskirchen geboren. Auch er half in der Metzgerei des Vaters mit. Beide Geschwister waren unverheiratet. 

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 wurden bis 1945 viele Millionen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt. Sie wurden entrechtet, terrorisiert und angefeindet.

Am 1. April 1933 rief die neue nationalsozialistische Regierung zu einem Boykott aller jüdischen Geschäfte auf. Auch in Euskirchen formierte sich die SA zu einem Fackelzug und verklebte Schaufenster jüdischer Geschäfte und behinderte die Kunden an deren Betreten. Wer noch in jüdischen Geschäften Besorgungen erledigte, wurde solange angefeindet, bis niemand mehr dort einkaufte. Den Lebensunterhalt zu verdienen wurde für viele jüdische Familien immer schwieriger. Am 13. April 1939 starb Bertha Fröhlich an einem Schlaganfall. Kurz darauf musste Bernhard Fröhlich den Metzgereibetrieb einstellen und in das Judenhaus in der Baumstraße ziehen.

Im Dezember 1938 trat die Verordnung über den Zwangsverkauf jüdischen Besitzes in Kraft, die auch eine Aufhebung des Mieterschutzes für jüdische Mieter zur Folge hatte. Ab diesem Zeitpunkt durften jüdische Familien ihre Wohnungen und Häuser nicht mehr betreten. Sie mussten nun mit anderen jüdischen Familien in sog. Judenhäusern auf engstem Raum zusammenleben.

Am 16.06.1942 wurde Bernhard Fröhlich mit dem Zug von Köln-Deutz aus in das Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. 

Von den zehntausenden hauptsächlich älteren Bewohnern des Ghettos überlebten nur wenige den Holocaust. Sie wurden rücksichtslos ausgebeutet und die katastrophalen Lebensbedingungen führten zu einer hohen Sterblichkeitsrate, während es der Nazi-Propaganda bis zuletzt gelang, Theresienstadt als lebenswerte jüdische Stadt darzustellen. Insgesamt durchliefen etwa 140.000 Menschen das Ghetto, aus dem bei Kriegsende lediglich 19.000 Menschen befreit wurden.

Bernhard Fröhlich wurde am 18. Mai 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet.

Susanna und Nathan Fröhlich

Der älteste Sohn des Ehepaares David und Emilia Fröhlich, Nathan, wurde am 13.07.1876 in Euskirchen geboren. Auch er erlernte das Handwerk seines Vaters und wurde Metzger. 1919 lernte er die aus Zülpich stammende Susanna Roer kennen. Die beiden heirateten im Herbst 1919. Nach der Hochzeit zog das junge Paar in ein Haus in der Kölner Straße, wo Nathan, der von allen nur Norbert genannt wurde, eine Viehhandlung eröffnete.

Das Krisenjahr 1923 und die Weltwirtschaftskrise verstärkten in der 1920er Jahren den schwelenden Antisemitismus der Bevölkerung. Die NS-Bewegung griff diese Atmosphäre auf und rückte den Antisemitismus ins Zentrum ihrer Politik. Ab 1933 erlebte das Ehepaar Fröhlich alltägliche Anfeindungen. Trotz größter Bemühungen musste Norbert Fröhlich im Sommer 1939 den Viehhandel aufgeben. Die Familie verlor damit die Lebensgrundlage und musste das Wohnhaus in der Kölner Straße aufgeben. Das Ehepaar zog in ein Mehrfamilienhaus in der Kommerner Straße. Am 16.06.1942 wurden Norbert und Susanna Fröhlich gemeinsam mit Norberts Bruder Bernhard in Konzentrationslager Theresienstadt gebracht. Norbert Fröhlich wurde am 17. April 1944 ermordet. Seine Frau Susanna wurde am 15. Mai 1944 ins Konzentrationslager Auschwitz verlegt, wo sie am Tag ihrer Ankunft ermordet wurde.

Hanna Schnog geb. Fröhlich und Anna Hertzberg geb. Schnog

Hanna Schnog wurde am 01.11.1872 in Euskirchen als zweite Tochter des Ehepaares David und Emilie Fröhlich geboren. Gemeinsam mit ihren drei Geschwistern wuchs Hanna in der Bischofstraße auf. 

Im Sommer 1898 heiratete sie den aus Erp stammenden Viehhändler Maximilian Schnog. Nach der Hochzeit lebte das Ehepaar im Elternhaus der Schnogs in Erp, wo auch die drei gemeinsamen Töchter Anna, Paula und Martha geboren wurden.

1906 beschuldigte man Maximilian Schnog eines Sittlichkeitsvergehens. Er floh und ließ seine Ehefrau und die Töchter in Erp zurück. 1908 kehrte Hanna Schnog Erp den Rücken und zog mit ihren Töchtern nach Euskirchen in die Obhut ihres Elternhauses, um fortan in der Metzgerei ihres Vaters auszuhelfen und den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen. 1921 starb Maximilian Schnog in Arnhem in den Niederlanden.

Durch die Machtergreifung Hitlers im Jahr 1933 waren Hanna Schnog und ihre Familie alltäglichen Anfeindungen ausgesetzt. Nachdem die Familie gezwungen war den Metzgereibetrieb einzustellen, musste Hanna Schnog mit ihrem Bruder Bernhard in das Judenhaus in der Baumstraße ziehen. 

Kurz zuvor war Hannas Tochter Anna nach Brüssel geflohen. Von dort aus reiste sie weiter nach Ecuador. Ecuador gehörte wegen des tropischen Klimas nicht zu den bevorzugten Zufluchtsländern. Daher siedelte sich die Mehrheit der 4000 Flüchtlinge im hoch gelegenen Quito an. Hierfür gab es viele Vorschriften, die den Aufbau einer neuen Existenz erschwerten. 

So wie ihre Brüder Norbert und Bernhard wurde auch Hanna Schnog im Juni 1942 ins Konzentrationslager Theresienstadt in der besetzten Tschechoslowakei deportiert. Am 19.09.1942 verlegte man sie in das Vernichtungslager Treblinka, wo sie kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurde.

Währenddessen hatte Anna Schnog es nach Ecuador geschafft. In Quito lernte Anna Schnog den Anwalt Ernst Oskar Hertzberg kennen. Die beiden heirateten im Juli 1944. Nach dem Zweiten Weltkrieg löste sich die jüdische Gemeinschaft in Quito auf. Viele reisten weiter in andere Länder wie Argentinien oder die USA. Anna und ihr Mann kehrten 1956 zurück nach Deutschland und ließen sich in Heidelberg nieder. Dort verstarb Anna Hertzberg am 11. März 1958.

Familie Paula und Siegfried Cohn

Paula Schnog war die erstgeborene Tochter von Hanna Schnog. Nachdem ihr Vater sie verlassen hatte, zog sie mit ihrer Mutter und den beiden Schwestern Anna und Martha nach Euskirchen, wo ihr Großvater David Fröhlich eine Metzgerei betrieb.

1919 heiratete Paula den aus Duderstadt stammenden Kaufmann Siegfried Cohn. Die Familie zog in die Wilhelmstraße 18, wo Siegfried Cohn ein Bekleidungsgeschäft eröffnete. 1921 und 1922 wurden die beiden Kinder Heinz und Edith geboren.

Nach der Machtergreifung Hitlers erlebte Familie Cohn alltägliche Anfeindungen. Die NSDAP-Führung versuchte die Juden durch Verordnungen zu entrechten und zur Emigration zu treiben und schürte dadurch den antisemitischen Terror weiter. Um diesen Terror zu kanalisieren, ließ Adolf Hitler 1935 auf dem Reichsparteitag der NSDAP eine gesetzliche Regelung ausarbeiten. Am 15. September wurden das "Reichsbürgergesetz" und das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verabschiedet. Diese sog. Nürnberger Gesetze stempelten die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Menschen minderen Rechts ab. Trotz der Terrorisierungen und Einschränkungen blieben viele jüdische Familien auch nach der Machtergreifung in Euskirchen wohnhaft. Es war schließlich ihr Zuhause. 

Am 21.03.1937 wurde Siegfried und Paula Cohns Tochter Lotte geboren.

In der Hoffnung auf Anonymität in einer Großstadt, zog die Familie im März 1938 nach Köln in eine Haus in der Roonstraße nahe der Kölner Synagoge. Doch auch hier hörten die Anfeindungen nicht auf.

Am 30. Oktober 1941 wurde die gesamte Familie ins Konzentrationslager Lodz deportiert. Die Lebensbedingungen dort waren denkbar schlecht. An Hunger, Kälte und mangelnder Hygiene starben insgesamt 43.500 Menschen. Jeder der arbeiten konnte, auch Kinder, mussten Zwangsarbeit in den nahegelegenen Rüstungsfabriken verrichten.

Fast drei Jahre war Familie Cohn im Konzentrationslager Lodz eingesperrt. Im Juni 1944 brachte man sie in das 90 km südlich gelegene Vernichtungslager Chelmno, wo sie in den Gaswagen des Lagers ermordet wurden.

Martha und Ernst Cleffmann

Martha Schnog war die jüngste Tochter von Hanna Schnog. Ihre Kindheit und Jugend wurden geprägt durch den Ersten Weltkrieg und das Inflationsjahr 1923. Als junge Erwachsene erlebte sie 1929 die weltweite Wirtschaftskrise und den Aufstieg der NSDAP bis zur Machtergreifung 1933.

1928 lernte Martha Schnog den Kaufmann Ernst Cleffmann kennen. Er führte zusammen mit Marthas Schwager Siegfried Cohn, dem Mann ihrer Schwester Paula, ein Textilgeschäft in der Wilhelmstraße. 1932 heirateten die Beiden.

Als Ernst Cleffmann und Siegfried Cohn im Dezember 1938 die Konzession für den Gewerbehandel entzogen wurde, waren sie gezwungen ihr Gewerbe abzumelden. Beide Familien verloren somit gänzlich die Lebensgrundlage.

Die Verfolgung durch die Nationalsozialisten zwang zahlreiche Jüdinnen und Juden zur Flucht ins Ausland. Während in den ersten Jahren nach Hitlers Machtergreifung die Mehrheit nach Westeuropa emigrierte, retteten sich die Flüchtlinge mit der zunehmenden Ausweitung des nationalsozialistischen Einflussbereiches später besonders nach Palästina, in die USA und nach Südamerika. Auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung verließen ab 1933 schätzungsweise bis zu 300.000 Juden Deutschland.

Auch Martha und Ernst Cleffmann flohen im April 1939 und suchten Zuflucht in Brüssel. Dort lebten sie bei Freunden. Martha Cleffmann beschreibt diese Zeit selbst als besonders schwer. Sie habe als verwöhntes Mädchen lernen müssen hart zu arbeiten, um Geld zu verdienen und dabei immer auf der Hut zu sein, um nicht von den Behörden entdeckt zu werden.

Als Ernst Cleffmann 1940 bei einer Kontrolle verhaftet wurde, versteckte sich Martha Cleffmann bei Freunden und lebte fortan unter falschem Namen. Als Jeanne Dupont gelang es ihr, sich bis Kriegsende in Brüssel zu verstecken. Ihr Mann Ernst wurde nach der Verhaftung in Saint Cyprien interniert.

Das südfranzösische Lager Saint-Cyprien war Anfang 1939 aufgebaut worden. Es bestand aus Holzverschlägen, die weder vor Kälte noch vor Wind schützten. 

Ab Mai 1940 wurden zwischen 4400 und 8000 Menschen interniert. Darunter waren auch viele Künstler wie der Maler Felix Nussbaum, der Musiker Eberhard Schmidt und der Schriftsteller Erich Weinert. Ende Oktober 1940 war das Lager nach einem Sturm derart zerstört, dass es am 31. Oktober 1940 aufgelöst wurde. Die über 3600 Gefangenen verlegte man in andere Internierungslager.

Ernst Cleffmann wurde in das Sammellager in Mechelen gebracht und dort drei Jahre lang inhaftiert. Auf dem Weg dorthin versuchte er zu fliehen, wurde jedoch von den Behörden erneut aufgegriffen. Aus dem Sammellager heraus schrieb er Briefe an seine Frau Martha, bis er am 31. Juli 1943 ins Vernichtungslager nach Auschwitz deportiert wurde. Martha Cleffmann sah ihren Mann nie wieder.

Noch bis 1953 wohnte sie in Brüssel und kehrte dann nach Deutschland zurück. Sie zog nach Heidelberg, wo auch ihre Schwester Anna lebte, der die Flucht nach Ecuador gelungen war.

Martha Cleffmann setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für die Entschädigung ihrer Familie ein. Das Haus in der Bischofstraße, das von der Familie gezwungenermaßen verkauft werden musste, erhielt sie zurück. Über das Erlebte während des Dritten Reichs sprach sie bis zu ihrem Tod im Dezember 1982 bereitwillig und ausführlich, damit künftige Generationen daraus ihre Lehren ziehen können.