Familie Sara und Samuel Klinger
Samuel Klinger wurde am 22. Oktober 1879 im polnischen Stawiszyn geboren. Er war Kaufmann und arbeitete in verschiedenen Städten. Um 1912 lernte er Sara Kochmann kennen. Die beiden heirateten und zogen im Dezember 1914 mit ihrer Tochter Alice nach Euskirchen. Dort eröffnete Samuel Klinger ein Bekleidungsgeschäft in der Ursulinenstraße, wo die Familie auch wohnte.
1915 und 1919 wurden die Töchter Hanna und Paula geboren, im Mai 1920 kam Sohn Artur zur Welt.
Das Krisenjahr 1923 und die Weltwirtschaftskrise verstärkten in den 1920er Jahren den schwelenden Antisemitismus der Bevölkerung weiter. Die NS-Bewegung griff diese Atmosphäre auf und rückte den Antisemitismus ins Zentrum ihrer Politik. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 wurden bis 1945 viele Millionen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt. Sie wurden entrechtet, terrorisiert und angefeindet.
Am 27. und 28. Oktober 1938 ließ das NS-Regime rund 17.000 im Deutschen Reich lebende Jüdinnen und Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft verhaften, ausweisen und gewaltsam zur polnischen Grenze verbringen. Samuel Klinger war polnisch-stämmig und hatte nur eine befristete Aufenthaltserlaubnis. Er, seine Frau und die beiden jüngsten Kinder wurden am 28.10.1938 nach Bentschen/Zbąszyń gebracht und dort interniert. Sein Euskirchener Nachbar Isidor Mayer, mit dem Samuel Klinger eine Freundschaft pflegte, beschreibt in einem Brief an seine Tochter den Abtransport der Familie: „Gestern Mittag fuhr ein großes Auto vor, und nachdem Klinger in aller Eile einige Sachen gepackt hatte, fuhr die ganze Familie weg. […] Alle Wohnungen sind polizeilich versiegelt worden […].“
Diese als „Polenaktion“ bezeichnete Zwangsausweisung war die erste Massendeportation aus dem Deutschen Reich. Die Verhaftung kam für die Betroffenen vollkommen überraschend. Sie durften nur wenige Habseligkeiten mitnehmen. In bewachten Sonderzügen transportierte die Reichsbahn sie anschließend an die deutsch-polnische Grenze. Die meisten wurden zur Grenzstadt Neu-Bentschen/Zbaszyń gebracht, andere nach Konitz in Pommern oder Beuthen in Oberschlesien. Der erste Transport konnte die Grenze noch passieren, weil die polnischen Grenzbehörden völlig überrascht waren. Später verweigerten sie die Einreise. Die deutschen Polizisten und Wachleute trieben die ausgewiesenen Jüdinnen und Juden daraufhin zu Fuß über die Felder in das Niemandsland im Grenzbereich.
Die Bedingungen vor Ort in Zbąszyń waren vor allem in den ersten Tagen und Wochen katastrophal. Allmählich entstand ein Auffanglager mit Notunterkünften, in denen mehr als 8.000 Menschen teilweise monatelang festsaßen. Jüdische Hilfsorganisationen wie das American Joint Distribution Committee unterstützten sie. Einigen Ausgewiesenen erlaubte das NS-Regime schließlich die vorübergehende Rückkehr nach Deutschland, um ihren Besitz zu verkaufen und ihre Emigration ins Ausland zu organisieren. Anderen gestatteten die polnischen Behörden die Weiterreise ins Landesinnere Polens, sofern sie dort Verwandte hatten. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen am 1. September 1939 fielen diese Jüdinnen und Juden erneut unter deutsche Herrschaft. Nur wenige von ihnen überlebten.
Auch Samuel und Sara Klinger wurden Opfer des Holocausts. Wann und wo sie ermordet wurden, konnte nach heutigem Stand der Forschung nicht ermittelt werden.
Die erstgeborene Tochter des Ehepaares, Alice, zog im April 1933 nach Marienberg in der Pfalz, wo sie am Haushaltspensionat der Ursulinen eine Ausbildung zur Hausgehilfin machte. Nach der Ausbildung kehrte sie ins elterliche Haus nach Euskirchen zurück. Im Verlauf der 1930er Jahre wurde es für jüdische Hausgehilfinnen immer schwerer eine Anstellung zu finden. So hatte Alice Klinger immer wieder wechselnde Anstellungen, u. a. in Ulm, Flensburg und Bielefeld. 1937 zog Alice Klinger nach Frankfurt am Main. Von dort aus gelang ihr die Flucht nach London.
Alices jüngere Schwester Hanna ging im Juni 1933 nach Brühl, um eine Lehre als Kinderfräulein zu machen. 1938 floh sie nach England. In Großbritannien hatten Immigranten im Gegensatz zu anderen Ländern keine Auslieferung an das Deutsche Reich zu befürchten und es gab eine überdurchschnittlich gute Lebensmittelversorgung. Dennoch hatten auch in Großbritannien alle Einreisenden einen schwierigen Rechtsstatus. Mit Kriegsbeginn im September 1939 wurden die Grenzen geschlossen. Insgesamt konnten ca. 65.000 jüdische Flüchtlinge nach Großbritannien ausreisen.
Nach dem Krieg setzte sich Hanna Klinger für ihre Familie ein und stellte einen sog. Wiedergutmachungsantrag. Mit dem Begriff Wiedergutmachung werden die Maßnahmen Deutschlands zusammengefasst, durch die Verfolgte des Nationalsozialismus materiell entschädigt wurden. Sie bedeuten jedoch nicht, dass erlittenes Leid durch die gewährten Leistungen abgegolten werden kann. So konnten die Familien entwendetes Eigentum zurückerhalten oder aber Entschädigungszahlungen und Unterstützungsmaßnahmen bekommen.
Die Kindheit der beiden jüngsten Kinder des Ehepaares Klinger, Paula und Artur, wurde geprägt durch die Folgen des Ersten Weltkriegs, das Inflationsjahr 1923 und die weltweite Wirtschaftskrise 1929. Als Jugendliche erlebten sie den Aufstieg der NSDAP bis zur Machtergreifung 1933.
Der Besuch einer Schule für jüdische Kinder wurde ab 1933 weitestgehend verboten. Ihr Anteil an der Gesamtzahl der Schüler durfte höchstens 1,5 % betragen. Lehrer und Mitschüler schikanierten und diskriminierten jüdische Schülerinnen und Schüler. Später wurden sog. Sammelklassen für die jüdische Schülerschaft eingerichtet, damit diese nicht mehr mit den nicht-jüdischen Schülern unterrichtet wurden, bis sie schließlich ab 1938 nur noch jüdische Schulen besuchen durften und ab 1942 gar keine Schulen mehr.
Als die Eltern 1938 nach Polen ausgewiesen wurden, mussten Artur und Paula mit ihnen reisen. Etwas mehr als 100 Kinder, deren Familien im Oktober 1938 von deutschen Behörden als über die deutsch-polnische Grenze nach Zbaszyn/Bentschen abgeschoben wurden, konnten mit einem Kindertransport nach England gerettet werden. Eines dieser Kinder war Artur Klinger. Er sah seine Eltern nie wieder.
Hanna Klinger gelang es dank einer jüdischen Hilfsorganisation nach einer langen Fahrt durch Sowjetrussland, Persien und Saudi-Arabien in Palästina einzureisen und so der weiteren Verfolgung durch das Nazi-Regime zu entgehen.

