
Familie Heymann

In der Neustraße 32 lebte die Familie Heymann. Joseph Heymann stammte aus einer großen, sehr religiösen Familie aus Ahrweiler. In Euskirchen war er der letzte Synagogenvorsteher und somit zuständig für die Armenunterstützung in der jüdischen Gemeinde. Er übte den Beruf eines Handelsvertreters aus und führte im Putz- und Hutmachergeschäft seiner Frau Sibilla die Buchhaltung.
1916 kam Tochter Hertha in Euskirchen zu Welt, Sohn Friedrich Wilhelm gen. Fritz wurde 1922 geboren.
Bis 1934 ging das Geschäft sehr gut, so dass Familie Heymann mehrere Angestellte beschäftigen konnten.
Am 1. April 1933 rief die neue nationalsozialistische Regierung zu einem Boykott aller jüdischen Geschäfte auf. Auch in Euskirchen formierte sich die SA zu einem Fackelzug und verklebte Schaufenster jüdischer Geschäfte und behinderte die Kunden an deren Betreten. Wer noch in jüdischen Geschäften Besorgungen erledigte, wurde solange angefeindet, bis niemand mehr dort einkaufte. Den Lebensunterhalt zu verdienen wurde für viele jüdische Familien immer schwieriger. Im Mai 1936 musste das Geschäft aufgegeben werden. Sibilla Heymann konnte noch bis 1938 im Hutmachergeschäft ihrer Freundin in Bonn aushelfen.
Im Dezember 1938 trat die Verordnung über den Zwangsverkauf jüdischen Besitzes in Kraft, die auch eine Aufhebung des Mieterschutzes für jüdische Mieter zur Folge hatte. Ab diesem Zeitpunkt durften jüdische Familien ihre Wohnungen und Häuser nicht mehr betreten. Sie mussten nun mit anderen jüdischen Familien in sog. Judenhäusern auf engstem Raum zusammenleben. Joseph und Sibilla Heymann mussten im Juli 1939 in ein Judenhaus in der Viktoriastraße 12 umziehen.
1941 beschloss die nationalsozialistische Führung die Umsetzung der „Endlösung“ – den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. So wollte das Regime die ethnische Neuordnung Osteuropas im Rahmen seiner Rassenpolitik erzwingen. Am 15. Oktober 1941 begann die systematische Deportation der deutschen Juden in Ghettos, Lager und Vernichtungsstätten. Dort wurden bis 1945 sechs Millionen Menschen ermordet. Joseph und Sibilla Heymann wurden am 10. Juli 1942 von Köln aus mit dem Zug nach Minsk deportiert. Die Fahrt dauerte vier Tage und Nächte, während sie mit dutzenden anderen Familien zusammengepfercht im Waggon ausharren mussten.
Im Ghetto Minsk mussten viele Jüdinnen und Juden unter schwersten Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Kurz nach der Ankunft wurde das Ehepaar Heymann im wenige Kilometer entfernten Vernichtungslager Maly Trostenec ermordet.
Ihre Tochter Herta Heymann besuchte nach der höheren paritätischen Mädchenschule in Euskirchen das Oberlyzeum der katholischen Dominikanerinnen, die spätere Marienschule. Danach besuchte sie die höhere Handelsschule in Bonn. Ab 1933 begegneten ihr während der Bahnfahrt zur Schule zunehmend antisemitische Anfeindungen, denn ihre Mitschüler ließen sie spüren, dass sie - als einzige jüdische Mitschülerin - unerwünscht sei.
Als im September 1935 die Nürnberger Gesetze erlassen wurden, durch die Juden alle politischen Grundrechte verloren, entschlossen sich jedoch viele Familien zu einer Flucht ins Ausland. Herta Heymann beschloss daher die Ausreisepapiere zu beantragen. Am 15.06.1937 gelang ihr im jungen Alter von 21 Jahren die Flucht nach Tel Aviv. Dort heiratete sie und blieb mit ihrer Familie auch nach dem Krieg dort wohnhaft.
Ihr Bruder Fritz besuchte bis 1936 das Euskirchener Jungengymnasium, dann eine jüdische Schule in Bonn. Dem Wunsch seiner Eltern, sich in einem Internat in Fulda zum Rabbiner ausbilden zu lassen, kam er nur für wenige Monate nach und trat stattdessen einen Ausbildungsplatz bei einem jüdischen Polsterer in Köln. Auch Fritz Heymann wollte nach den Geschehnissen der Reichspogromnacht nicht länger in Deutschland bleiben. Durch seinen Onkel Sally, der nach Palästina entkommen war, erhielt er ein landwirtschaftliches Visum für England. Seine Eltern brachten den 17-jährigen am 27. April 1939 zum Euskirchener Bahnhof, von wo aus er alleine nach England reiste.
Seit der Erlassung des Fremdengesetzes 1905 durfte jeder nach Großbritannien migrieren, der aufgrund der eigenen Religion oder politischen Einstellung sein Heimatland verlassen musste. Durch den Ersten Weltkrieg wurden die Einreisebedingungen verschärft, sodass jeder Einreisende überprüft wurde, bevor er dauerhaft im Land bleiben durfte. Ab 1933 wurde die Möglichkeit der Einreise direkt an den Häfen durch Beamte entschieden. Wichtigster Entscheidungsfaktor war hier vor allem die finanzielle Situation der Immigranten.
Durch die Annexion Österreichs an das Deutsche Reich 1938 wurde eine neue Emigrationswelle ausgelöst, woraufhin die Einreisebedingungen verschärft wurden. Eine Einreise war nun in drei verschiedenen Fällen möglich: zur Weiterreise in ein anderes Land, zur Aufnahme einer Arbeit in Großbritannien oder durch Vorlegen eines Nachweises über Kapital zur finanziellen Absicherung.
In Großbritannien hatten Immigranten im Gegensatz zu anderen Ländern keine Auslieferung an das Deutsche Reich zu befürchten und es gab eine überdurchschnittlich gute Lebensmittelversorgung. Dennoch hatten auch in Großbritannien alle Einreisenden einen schwierigen Rechtsstatus. Mit Kriegsbeginn im September 1939 wurden die Grenzen geschlossen. Insgesamt konnten ca. 65.000 jüdische Flüchtlinge nach Großbritannien ausreisen.
Fritz Heymann fand zunächst Arbeit in England und durfte sich solange dort aufhalten. Mit Kriegsbeginn wurden alle Deutschen als feindliche Ausländer eingestuft. Anfang 1940 wurde Fritz Heymann deswegen ein Internierungslager in der Nähe von Liverpool gebracht.
Nach dem Krieg schilderte Fritz Heymann seine Verhaftung und das Erlebte während der Internierung: „Gegen Abend wurde ich sicher untergebracht in einem halbfertigen Häuserkomplex in Huyton in der Nähe von Liverpool. Um mit der plötzlichen Ankunft der Internierten klar zu kommen, umzäunte die Armee den Komplex mit Stacheldraht, gab uns etwas Stroh, Strohmatten, eine Feldküche und ließ uns damit mehr oder weniger allein. Wir waren dort zu Tausenden und keiner kannte en Anderen […]. Als ich gefragt wurde, ob ich Einwände dagegen hätte, in einer der königlichen Überseestandorte interniert zu werden, sagte ich Nein. […] Kurze Zeit später wurden wir auf einen Zug gesetzt und nach Liverpool transportiert. Wir wurden ins Hafengelände eskortiert und kamen an Bord eines Truppentransporters mit dem Namen HMT DUNERA.“
Nach einer entbehrungsreichen Schifffahrt kam Fritz Heymann am 7. September in Darling Harbour in Sydney an. Auch in Australien wurde er in ein Internierungslager eingewiesen, zunächst in New South Wales und anschließend in Victoria. Fritz Heymann erhielt das Angebot sich der australischen Armee anzuschließen, das er auch annahm. Man zahlte ihm das gleiche Gehalt wie allen anderen Soldaten auch. Im Februar 1946 verließ er die Armee.
Nach dem Krieg heiratete er Miriam Heymann und beendete seine Ausbildung als Polsterer. Das Ehepaar bekam zwei Söhne und zog später nach Celtenham. Seinen Lebensabend verbrachte Fritz Heymann in Moorabbin. Er starb am 9. Februar 2002.
