Familie Julie und Carl Kahn

Carl Kahn wurde am 5. Mai 1878 in Euskirchen geboren. Er betrieb einen Viehhandel in der Wilhelmstraße. 1906 lernte er in Frechen Julie Meyer kennen. Die beiden heirateten und zogen in das Haus in Euskirchen.

Als Carl Kahn 55 Jahre alt war, wurde Hitler nach dem Tod von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Führer und Reichskanzler. So wie er wurden bis 1945 viele Millionen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt. Sie wurden entrechtet, terrorisiert und angefeindet.

Am 1. April 1933 rief die neue nationalsozialistische Regierung zu einem Boykott aller jüdischen Geschäfte auf. Auch in Euskirchen formierte sich die SA zu einem Fackelzug und verklebte Schaufenster jüdischer Geschäfte und behinderte die Kunden an deren Betreten. Wer noch in jüdischen Geschäften Besorgungen erledigte, wurde solange angefeindet, bis niemand mehr dort einkaufte. Den Lebensunterhalt zu verdienen wurde für viele jüdische Familien immer schwieriger. Kurz nach dem Boykotttag wurde Carl Kahn wegen angeblicher Betrügereien verhaftet. Kurze Zeit später wurde er wieder frei gelassen.

Ab 1934 veröffentlichte auch die Euskirchener Lokalpresse zunehmend judenfeindliche Hetzartikel und verstärkte damit die Anfeindungen gegen jüdische Familien in Euskirchen weiter. Auch Carl Kahn wurde in der Presse diffamiert, als Betrüger beschimpft und öffentlich gedemütigt.

1937 war Carl Kahn gezwungen seinen Viehhandel aufzugeben. Er wurde zwangsenteignet und sein Grundbesitz wurde arisiert. In der Hoffnung auf Anonymität in einer Großstadt, zogen Carl und Julie Kahn im Juni 1937 nach Köln. Doch die Drangsalierungen hörten nicht auf.

1941 beschloss die nationalsozialistische Führung die Umsetzung der „Endlösung“ – den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. So wollte das Regime die ethnische Neuordnung Osteuropas im Rahmen seiner Rassenpolitik erzwingen. Am 15. Oktober 1941 begann die koordinierte Deportation der deutschen Juden in Ghettos, Lager und Vernichtungsstätten. Dort wurden bis 1945 sechs Millionen Menschen ermordet.

Carl und Julie Kahn wurden am 20.07.1942 ins Ghetto Minsk deportiert. Dort mussten viele Jüdinnen und Juden unter schwersten Bedingungen Zwangsarbeit verrichten. Bereits kurz nach der Ankunft wurde das Ehepaar ins wenige Kilometer entfernte Maly Trostenec gebracht.

Das Vernichtungslager Maly Trostenec liegt südlich von Minsk. Es ist einer der größten Vernichtungsorte des Holocaust. Aus deutschen Städten wie Köln, Düsseldorf und Hamburg wurden Juden in die Hauptstadt der von der Wehrmacht besetzten Sowjetrepublik Weißrussland deportiert. Das elf Kilometer entfernte und gleichnamige Dorf verfügte über einen Bahnanschluss, der für die Deportationszüge notwendig war. Insgesamt wurden in dem kleinen Ort nahe der weißrussischen Hauptstadt Minsk bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Spätsommer 1944 mehr als 60.000 Menschen ermordet. 

Carl und Julie Kahn wurden am 24. Juli 1942 im Vernichtungslager Maly Trostenec ermordet.