Familie Selma und Alfred Carl

Alfred Carl wurde am 07. Dezember 1896 in Weilerswist geboren. Dort führte sein Vater Simon ein Manufakturwarengeschäft in der heutigen Kölner Straße und vertrieb zudem als Hausierer Kurzwaren wie Knöpfe, Garne und Schuhriemen. Alfreds Mutter Bertha nähte Kittel und Schürzen für den Laden. Seine Kindheit verbrachte Alfred Carl gemeinsam mit seinen Eltern und seiner jüngeren Schwester Johanna in Weilerswist.

In den 1920er Jahren besaß Alfred Carl die erste Tankstelle in Weilerswist und vertrieb dort Produkte der Firma Shell.

1924 heiratete er die aus dem benachbarten Lommersum stammende Selma Stock. Ein Jahr später zog das Ehepaar nach Euskirchen in die Münstereifeler Straße, wo Alfred Carl den Handel mit Mineralölen als selbstständiger Kaufmann fortführte.

Im November 1925 wurde Sohn Herbert geboren, drei Jahre später kam Sohn Heinz auf die Welt.

Das Krisenjahr 1923 und die Weltwirtschaftskrise 1929 verstärkten in den 1920er Jahren den schwe-lenden Antisemitismus der Bevöl-kerung weiter. Die NS-Bewegung griff diese Atmosphäre auf und rückte den Antisemitismus ins Zentrum ihrer Politik. Ab 1933 erlebten jüdische Familien wie die Carls alltägliche Anfeindungen.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 wurden bis 1945 viele Millionen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt. Sie wurden entrechtet, terrorisiert und angefeindet.

Die NSDAP-Führung versuchte die Juden durch Verordnungen zu entrechten und zur Emigration zu treiben und schürte dadurch den antisemitischen Terror weiter. Um diesen Terror zu kanalisieren, ließ Adolf Hitler 1935 auf dem Reichsparteitag der NSDAP eine gesetzliche Regelung ausarbeiten. Am 15. September wurden das "Reichsbürgergesetz" und das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" verabschiedet. Diese sog. Nürnberger Gesetze stempelten die jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger zu Menschen minderen Rechts ab. Viele Familien entschlossen sich spätestens dann zur Ausreise in ein anderes Land und beantragten ihre Ausreisepapiere. Auch Familie Carl stellte einen solchen Antrag.

Am 09.11.1938 wurden während der sog. Reichskristallnacht jüdische Geschäfte und Synagogen geplündert und in Brand gesteckt. Der Polizei und Feuerwehr wurde verboten einzugreifen. In Euskirchen und dem gesamten Kreisgebiet brannten alle Synagogen bis auf die Grundmauern ab. Alfred Carl wurde grundlos verhaftet und in eine Zelle gesperrt. Sein Sohn Heinz schildert das erlebte Jahre später: „Am 10. November 1938 wurde mein Vater dreimal von den Nazis verhaftet und in eine Polizeizelle gesperrt, verhört und immer wieder freigelassen. Am folgenden Nachmittag kamen einige SA-Mitglieder und beschlagnahmten unser Auto […]. Sie durchsuchten das Haus vom Speicher bis zum Keller.“

Nach seiner Freilassung verstärkte Alfred Carl die Ausreisebemühungen der Familie, doch zunächst vergebens.

1939 wurde Alfred Carl die Gewerbeerlaubnis entzogen. Er war gezwungen seinen Betrieb einzustellen. Die Familie verlor damit ihr Einkommen, doch einen Monat später erhielt man endlich die lang ersehnte Ausreisegenehmigung. 

Die Verfolgung durch die Nationalsozialisten zwang zahlreiche Jüdinnen und Juden zur Flucht ins Ausland. Während in den ersten Jahren nach Hitlers Machtergreifung die Mehrheit nach Westeuropa emigrierte, retteten sich die Flüchtlinge mit der zunehmenden Ausweitung des nationalsozialistischen Einflussbereiches später besonders nach Palästina, in die USA und nach Südamerika. Auf der Flucht vor nationalsozialistischer Verfolgung und Vernichtung verließen ab 1933 schätzungsweise bis zu 300.000 Juden Deutschland.

Familie Carl verließ Euskirchen am 20.07.1939 mit dem Zug Richtung Niederlande. Kurz vor Kriegsbeginn erreichten sie Kapstadt und kamen eine Weile bei Alfred Carls Schwägerin Emmy Meyer unter. Von dort reisten sie weiter nach Bulawayo in Süd-Rhodesien.

Süd-Rhodesien war die Bezeichnung des Gebietes einer ehemaligen britischen Kolonie im Süden Afrikas. Seit 1980 ist dieses Gebiet die unabhängige Republik Simbabwe. Ende der 1930er Jahre lebten dort etwa sechs Millionen Afrikaner, die von einer europäischen Minderheit von nur 300.000 Personen regiert wurde. Dies führte zu Spannungen. Nach den damaligen Gegebenheiten gehörten die neuen jüdischen Einwanderer der weißen Oberschicht an.

Wie in vielen anderen Ländern auch herrschten in Rhodesien strenge Einreisebestimmungen. So durfte man beispielsweise nur einreisen, wenn durch bereits dort lebende Verwandte ein Visum beantragt wurde.

Kurz nach der Ankunft in Bulawayo brach der Zweite Weltkrieg aus. Familie Carl galt nun als feindliche Ausländer und Alfred Carl musste sich regelmäßig bei der Polizei melden. Ende Januar fand Alfred Carl eine neue Arbeitsstelle. Nun durften auch die Söhne Herbert und Heinz die Schule besuchen. Keiner von ihnen sprach Englisch und besonders Alfred Carl und seine Frau Selma taten sich schwer darin eine neue Sprache zu lernen.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten kaufte Alfred Carl Jahre später ein Eiergeschäft und machte sich selbstständig. Im Laufe der Zeit verschlechterte sich sein gesundheitlicher Zustand und er starb am 14. Juni 1957 an den Folgen einer Operation.

Selma, die selbst kein eigenes Einkommen hatte, setzte sich verstärkt für eine Rente aus Deutschland ein. Nach vielen bürokratischen Hürden wurde ihr diese auch zugesprochen. Selma Carl starb am 15. März 1960 bei einem Besuch in Kapstadt, wo ihre Schwester Emmy lebte, einen Tag vor ihrem 65. Geburtstag.

Herbert Carl blieb nach seiner Schulzeit noch bis 1979 in Bulawayo. Dann zog er mit seiner Familie nach Johannesburg in Südafrika, wo er 1994 starb. Seine Angehörigen leben heute in Südafrika, Australien und England.

Heinz Carl war nach der Schule als Buchhalter und später als Anlagenberater für verschiedene Banken tätig. Geprägt durch die Verfolgung während der Nazi-Herrschaft und den Regierungswechsel in Süd-Rhodesien, verließ Heinz Carl mit seiner Ehefrau Bunty Südafrika. Er suchte Sicherheit und ein Land mit einer vertrauensvollen Regierung. Beides fand er in der Schweiz, wo seine Angehörigen heute noch leben. 

Bis zu seinem Tod am 1. April 2004 erforschte Heinz Carl seinen Familienstammbaum. Mehrmals kehrte er nach Weilerswist zurück, wo seine Eltern herstammten. Trotz der Drangsalierungen in den 1930er Jahren hegte Heinz Carl keinen Groll gegen Euskirchener oder Weilerswister Mitbürgerinnen und Mitbürger. Im Laufe der Jahre entstand eine tiefe Freundschaft zu ihnen. Er stellte bereitwillig Informationen über seine Familie und deren Geschichte zur Verfügung. Als 1998 der Gedenkstein für die jüdische Bevölkerung in Weilerswist enthüllt wurde, waren er und seine Frau Bunty die Ehrengäste.