Familie Hedwig und Joseph Hertz

Joseph Hertz wurde am 11. Dezember 1885 in Warendorf geboren. Er lernte die aus Euskirchen stammende Hedwig von der Walde kennen. 1913 heirateten die beiden und zogen in Hedwigs Elternhaus in Euskirchen. Kurz danach übernahm Joseph Hertz die Buchhandlung seines Schwiegervaters am Alten Markt und führte diese gemeinsam mit seiner Frau.
Sie bauten die Buchhandlung aus. In den 1920er Jahren erhielt man dort neben Büchern auch Zeitschriften, Papiere und Schreibwaren auch Tornister, Glückwunschkarten und Spielwaren.
1921 adoptierten die beiden den siebenjährigen Willi aus Danzig.
Das Krisenjahr 1923 und die Weltwirtschaftskrise verstärkten in den 1920er Jahren den schwelenden Antisemitismus der Bevölkerung weiter. Die NS-Bewegung griff diese Atmosphäre auf und rückte den Antisemitismus ins Zentrum ihrer Politik. Ab 1933 erlebte Familie Hertz alltägliche Anfeindungen.
Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Jahr 1933 wurden bis 1945 viele Millionen Menschen wegen ihres jüdischen Glaubens verfolgt. Sie wurden entrechtet, terrorisiert und angefeindet.
Am 1. April 1933 rief die neue nationalsozialistische Regierung zu einem Boykott aller jüdischen Geschäfte auf. Auch in Euskirchen formierte sich die SA zu einem Fackelzug und verklebte Schaufenster jüdischer Geschäfte und behinderte die Kunden an deren Betreten. Wer noch in jüdischen Geschäften Besorgungen erledigte, wurde solange angefeindet, bis niemand mehr dort einkaufte. Den Lebensunterhalt zu verdienen wurde für viele jüdische Familien immer schwieriger. Im Dezember 1934 musste Joseph Hertz die Buchhandlung verkaufen.
Im Mai 1935 suchten Joseph und Hedwig Hertz – wie viele andere Familien auch – Zuflucht und Anonymität in der Großstadt und zogen nach Köln, wo auch ihr Sohn Willi kurz zuvor hingezogen war. Doch auch hier hörten die Drangsalierungen nicht auf.
1941 beschloss die nationalsozialistische Führung die Umsetzung der „Endlösung“ – den systematischen Massenmord an den europäischen Juden. So wollte das Regime die ethnische Neuordnung Osteuropas im Rahmen seiner Rassenpolitik erzwingen. Am 15. Oktober 1941 begann die koordinierte Deportation der deutschen Juden in Ghettos, Lager und Vernichtungsstätten. Dort wurden bis 1945 sechs Millionen Menschen ermordet.
Am 22. Oktober 1941 wurden Joseph und Hedwig Hertz zum Bahnhof Köln-Deutz gebracht. Von dort aus deportierte man sie mit dem Zug ins Ghetto Łodz in Polen.
Die Lebensbedingungen dort waren denkbar schlecht. An Hunger, Kälte und mangelnder Hygiene starben insgesamt 43.500 Menschen. Jeder der arbeiten konnte, auch Kinder, mussten Zwangsarbeit in den nahegelegenen Rüstungsfabriken verrichten.
Von Januar bis September 1942 wurden in mehreren Deportationswellen über 70.000 Menschen im ungefähr 60 Kilometer westlich von Łodz gelegenen Vernichtungslager Chelmo ermordet. Unter ihnen waren auch Joseph und Hedwig Hertz, die im Mai 1942 in Chelmno den Tod fanden.
Willi Hertz gelang zunächst die Flucht nach Belgien. Dort wurde er vermutlich 1942 aufgegriffen und in das Sammellager in Mechelen gebracht. Im Juli 1942 richtete die SS in der ehemaligen belgischen Dossin-Kaserne ein Sammel-lager ein. Es diente vorrangig der Inhaftierung von jüdischen Menschen sowie Sinti und Roma. Von dort aus wurden über 25.000 jüdische Menschen und über 350 Sinti und Roma in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten der Deportierten wurden unmittelbar nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet, nur etwa 1.300 konnten überleben.
Am 31. Juli 1943 wurde Willi Hertz mit einem Transport von Mechelen ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Er ist eines der 1,3 Millionen Opfer, die dort den Tod fanden. Sein genaues Todesdatum konnte nicht ermittelt werden. Seine Eltern Joseph und Hedwig Hertz wurden 1941 ins Ghetto Riga in Polen deportiert und kurz danach im südlich gelegenen Vernichtungslager Chelmno ermordet.

