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Euskirchen, St. Martin

Euskirchen
St. Martin

Geschichtliches

Die älteste, historisch und kunstgeschichtlich interessanteste Kirche im ehemaligen Pfarrverband Euskirchen-Kernstadt ist St. Martin, an der Kirchstraße Nr. 10 im Zentrum der heutigen Kreisstadt gelegen.
Der Bereich um St. Martin ist der älteste Siedlungsbezirk, der 1302 dem neuen städtischen Gebilde den Namen gab. Schon vor der Verleihung der Stadtrechte konnte die Kirchengemeinde St. Martin 1190 die Erhebung zur selbständigen Pfarrei im damaligen Dekanat Zülpich feiern, was auf die Bedeutung dieses Kirchsprengels schließen lässt. Noch weiter zurück findet sich eine erste urkundliche Erwähnung der Martinskirche zusammen mit der Ortsbezeichnung "Augstchirche" 870 im Vertrag von Meersen, in dem die Teilung des Karolingerreiches festgeschrieben wurde. Aber die Ursprünge von St. Martin reichen wesentlich weiter zurück, nämlich in die merowingische Zeit etwa um 750 n. Chr., vielleicht sogar noch ein Jahrhundert früher, wie die Datierung des merowingisch-fränkischen Gräberfeldes zwischen Kirche und dem heutigen Annaturmplatz auf etwa 650 n. Chr. nahelegt. Funde von Teilen eines römischen Fußbodens und römischer Mauerreste im Mittelschiff der Kirche beim Einbau der Heizung 1970 lassen darauf schließen, dass diese Stelle sogar schon in römischer Zeit, vielleicht im 1. Jahrhundert n. Chr. besiedelt war und hier ein Gebäude stand. Da die Fundstelle nicht weiter untersucht wurde, ließ sich keine Zuordnung zu einer Gebäudeart herstellen. Auch der in einem Strebepfeiler des nördlichen Seitenschiffes vermauerte Matronenstein kann in einem Zusammenhang mit der Nutzung dieser Stelle als heidnischer Kultstätte gedeutet werden. Wegen der starken Verwitterung ist der Matronenstein erst kürzlich ausgebaut und durch einen Abguss ersetzt worden. Das Original wird demnächst im Innern der Kirche zu sehen sein.
"Konkurrenten" der St.-Martins-Kirche waren einstmals:

die St.-Georg-Kirche im Rüdesheimer Hofbereich an der Kommerner Str. in der Höhe der heutigen Kaserne. Sie war vor 1160 erbaut worden; hatte nach der Neustrukturierung und der damit verbundenen Stadtwerdung Euskirchens 1302 an Bedeutung verloren, da die Bewohner des Hofbereiches ihre Wohnsitze hinter die Stadtmauern verlegen mussten, galt schließlich 1750 als baufällig und wurde 1819 ganz abgebrochen.
Die seit 1427 urkundlich belegte, vielleicht schon nach 1302 erbaute Antoniuskapelle an der Kapellenstraße im Rüdesheimer Viertel. Sie wurde 1804 mit dem angrenzenden Kirchhofbezirk säkularisiert und 1823 auf Abbruch verkauft. Die Antoniuskapelle war der innerstädtische "Ersatz" der Rüdesheimer für die ca. 1 km außerhalb liegende Georgskirche.
Die Klosterkirche der Kapuziner, die 1684 an der dortigen ehemaligen Schallenburger und nachmaligen Klosterstraße im Bereich der heutigen Galleria erbaut und Weihnachten 1944 durch Bomben zerstört wurde. Schon 1802 waren Gotteshaus und Kloster im Rahmen der Säkularisation von den Franzosen geschlossen und zum Staatseigentum erklärt worden. Nach langwierigen Verhandlungen wurde das Kirchengebäude zum Advent 1804 als Annexkirche zu St. Martin wieder liturgischen Zwecken zugeführt Sie war der Immaculata, der unbefleckten Empfängnis, geweiht.


"Konkurrenten" der Martinskirche in der Gegenwart waren bis zum 31.12.2005:
- die 1908 als Filialkirche von St. Martin erbaute Herz-Jesu-Kirche.
- St. Matthias als Pfarrkirche der Südstadt.

Mit dem 01.01.2006 sind die drei bisher selbständigen Pfarreien zu einer einzigen Pfarre St. Martin fusioniert, der die drei Kirchenbauten St. Martin, Herz-Jesu und St. Matthias gehören. Als Name der neuen Großpfarre wurde damit der Name der ältesten Pfarrgemeinde gewählt: St. Martin. Das Patronatsrecht (= Besetzung der Priesterstellen) für St. Martin lag in der Anfangszeit bis 1355 beim Landesherren Monschau-Falkenburg, ab 1355 bei den Grafen und späteren Herzögen von Jülich. Die Nachfolger aus der Wittelsbachlinie Pfalz-Neuerburg (als Miterben der Jülicher Herrschaft nach 1609) übertrugen es 1631 auf die Jesuiten in Münstereifel. Ab 1802 lag es beim Bischof des von den Franzosen neu gegründeten Bistums Aachen, nachdem das Erzbistum Köln aufgelöst worden war. Seit der Wiedereinrichtung des Erzbistums Köln 1820 unter den Preußen lag es wiederum beim Erzbischof von Köln.

Baugeschichte

Der Ursprungsbau von St. Martin dürfte die Form einer Saalkirche mit rechteckigem Chorabschluss gehabt haben und damit ungefähr den Maßen des heutigen Mittelschiffes einschließlich des Turmuntergeschosses entsprechen. Diese vermutlich grundherrliche Eigenkirche könnte anfänglich (vielleicht um 700) ein Holzbau gewesen sein. Dass es zumindest einen Vorgängerbau gegeben hat, belegt ein über dem römerzeitlichen Boden angeschnittener Fußboden. Diese Kirche ist irgendwann durch einen Steinbau ersetzt worden. Die ältesten erhaltenen Bauteile (Mittelschiff und Turmuntergeschoss) gehören jedenfalls der Romanik an. Dieser Zeit entsprechen die an der südlichen Außenmauer des Mittelschiffes zu erkennenden Lisenen und Rundbogenfriese, damals typische romanische Gliederungselemente und Schmuckformen. Es ist eine dreijochige (Pfeiler-)Kirche mit geostetem Chor und wehrhaftem Westturm. Schon vor der Stadtrechtsverleihung an das neu entstandene Gemeinwesen Euskirchen im Jahre 1302 muss sich abgezeichnet haben, dass die Pfarrkirche zu klein für die anwachsende Zahl der Gläubigen war. So kam es Ende des 13. Jahrhunderts zu einer ersten Erweiterung; der Chorabschluss wurde um ein Joch und eine fünffenstrige neue Apsis erweitert; an der Nordseite in Höhe des dritten Mittelschiffjoches wurde ein rechteckiges Joch ebenso hinzugefügt wie die Sakristei neu gestaltet, alles im Stile der jetzt herrschenden Gotik. Anfang des 14. Jh. errichtete man als Pendant einen Südchor, wodurch die Kirche jetzt Kreuzesform erhielt. Nach fast 100-jähriger Unterbrechung, einem weiteren Anwachsen der Bevölkerung und einem Reicherwerden der Pfarrgemeinde setzte 1434 eine zweite Bauphase ein, deren erstes Ergebnis die Verlängerung des südlichen Chores um zwei Joche zum südlichen Seitenschiff war. Die Jahreszahl über dem Südportal "1o34" geht auf einen Brauch zurück, mit der "halben  8" die Vier zu bezeichnen. Um 1485 war auch der Nordchor um zwei Joche zum nördlichen Seitenschiff erweitert. Ab jetzt entsprach die Kirche in ihrem Aussehen dem Basilika-Typ. Beide Seitenschiffe hatten ein Pultdach erhalten, was beim nördlichen noch zu sehen ist, während beim südlichen das Pultdach durch fünf abgewalmte Zeltdächer ersetzt wurde. War das Mittelschiff ursprünglich mit einer Holzdecke oder einem Tonnengewölbe versehen, so erhielt es im Zuge dieser Baumaßnahmen ein spätgotisches querrechteckiges Kreuzgratgewölbe. Um 1490 wurde der Turm um ein Stockwerk erhöht; der Turmhelm ist mehrfach in späterer Zeit vom Blitz getroffen worden. In dieser letzten Bauphase wurde das südliche Seitenschiff dann nochmals nach Westen hin um zwei Joche verlängert. Fast 400 Jahre blieb die jetzt gewonnene Gestalt der Kirche unverändert. Erst 1881 wurde der Turm erhöht und mit einem gotisierenden Westportal neu gestaltet. Im Tympanon zeigt es Christus als den Weltenrichter, der ein Buch mit den Buchstaben Alpha und Omega in der Hand hält. Kurz danach wurden zwei Steingussfiguren neben dem Portal hinzugefügt. Links ist es die Darstellung des Pfarrpatrons St. Martin als Bischof im Ornat mit Bischofsstab und Buch, rechts ist es der zweite Kirchenpatron, der hl. Donatus, in römischer Ritterrüstung, wobei der Schild ihn als Helfer bei Gewittern ausweist. Beide Figuren stehen auf einer Säule unter einem Baldachin. Ferner erhielt das Portal des südlichen Seitenschiffes eine Vorhalle mit anders angeordnetem Eingang. Die letzte Erweiterung war 1939 der Anbau der Taufkapelle nach Westen hin an das nördliche Seitenschiff. Seit den Bombenabwürfen gegen Ende des zweiten Weltkrieges 1944/45 und dem Erdbeben des Jahres 1951, was beides erhebliche Schäden ausgelöst hatte, wurde das Innere der Kirche mehrfach restauriert; die letzte gründliche Renovierung geschah im Jahre 2001.


Die je zwei quadratischen Pfeiler des Mittelschiffes, die die drei romanischen Rundbögen tragen, wirken mit ihrer 1,65 m Mauerstärke recht massiv und für das heutige Liturgieverständnis fast störend, da sie die Sicht auf den Zelebrationsaltar einschränken. Oberhalb der Wandbogenfläche des Mittelschiffes ist ein Rücksprung der Wand zu erkennen. Die Erklärung hierfür kann in der Annahme einer ursprünglichen Flachdecke oder möglicherweise auch eines Tonnengewölbes des dort endenden romanischen Baus liegen. Der zurückspringend hochgeführte Lichtgaden mündet heute in drei spätgotische Kreuzgratgewölben. Die unteren Ende der Dienste wurden mit kleinen Skulpturen verziert, die paarweise angeordnet sind. An der Orgelempore beginnend sind es Stephanus (mit Palme und Steinen) und Johannes Evangelista (mit Kelch), gefolgt von Petrus (mit Schlüssel und Buch) und Paulus (mit Buch und Schwert), Andreas (mit Buch und Kreuz) und Jakobus dem Älteren (mit Stein und Stab); den Abschluss am Triumphbogen bilden Martinus (mit Bettlerfigur) und ein Engel (mit Wappenschild). Alle Konsolfiguren stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind bei der Restaurierung 2000/2001 partiell vergoldet worden. Drei Schlusssteine zieren die drei Gewölbefelder. An der Orgelempore ist es der Davidstern. Es folgt im nächsten Joch der bärtige Kopf eines Mannes, vielleicht als Christuskopf zu deuten, und schließlich die Muttergottes im Strahlenkranz. Auch diese Schmuckelemente stammen aus dem 15. Jahrhundert. Um die Wende zum 20. Jh. kamen Pläne auf, die Kirche in Nord-Süd-Richtung zum Neuen Markt hin zu erweitern, weil das Raumangebot für die aufgrund der wachsenden Industrialisierung gestiegene Einwohnerzahl bzw. die Zahl der Gläubigen nicht mehr ausreichte. Diese Pläne, die die bestehende Kirche zu einer Vorhalle des neuen Nord-West-Baues gemacht hätte, wurden aufgegeben, als man sich zum Bau einer neuen Kirche an der Kölner Straße, nämlich der Herz-Jesu-Kirche entschloss. Treibende Kraft für diese Lösung war vor allem Dechant Stollmann (1898-1920) von St. Martin. Die Maße der Kirche sind: Länge 46 m, Breite 18 m, Gewölbehöhe 19,5 m, Höhe des Turmes bis zur Spitze mit der Martinsfigur als krönendem Abschluss 75 m. Sie fasst rund 500 Personen

Innenausstattung

1. Die Altäre
Der Hochaltar, der Adrian van Overbeck zugeschrieben wird, stellt eine Antwerpener Arbeit aus der Zeit um 1530 dar. Jedoch ist sein heutiges Aussehen nicht identisch mit dem damals in Auftrag gegebenen Annenaltar; denn 1807 wird er einer tiefgreifenden Veränderung und 1862 einer umfassenden Restaurierung unterzogen. 1807 - es ist noch die Zeit der Säkularisation und der Franzosenherrschaft in den Rheinlanden - hatte man den Annenaltar, dessen Standort ursprünglich im Westjoch des südlichen Seitenschiffes war, und den Petrusaltar, der bis dahin an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffes gestanden hatte, zu einem Retabel zusammengefügt. Überhaupt war es eine schwierige Epoche für Pfarrer Carman (1770-1821), und die acht Altäre (Hauptaltar -  Kreuzaltar oder Petrusaltar - Bartholomäusaltar - Sebastianusaltar - Marienaltar - Jakobsaltar - Matthäusaltar - Annenaltar) sind in dieser Umbruchzeit aus der Kirche entfernt worden oder wurden als überholt eingestuft. Der Kölner Künstler Friedrich Mengelberg nahm sich der von Dechant Vogt (1836-1865; Begründer des Marienhospitals) und dem damaligen Kirchbauverein initiierten Umgestaltung des 1807 zusammengesetzten Altares an. Die Gesamtleitung hatte in diesen Jahren 1862-64 der Kölner Diözesanbaumeister Vincenz Statz. Im Zentrum des heutigen Altares steht das große Mittelbildfeld mit der Darstellung der heiligen Sippe, in der wiederum Maria den Mittelpunkt einnimmt. Doch ist das Bildmotiv, in seiner Gesamtheit betrachtet, eine Umsetzung der legendarischen Nachkommenschaft Annas und ihrer Schwester Esmeria, von der Johannes der Täufer und der hl. Servatius abstammen. Die beiden flankierenden Frauenfiguren sind Halbschwestern Mariens, nämlich Maria Salome mit den Apostelkindern Jakobus dem Älteren und Johannes Evangelista sowie Maria Kleophas mit Judas Thaddäus, Jakobus dem Jüngeren, Josephus Justus (Barsabas) und Simon Zelotes. Die realitätsnahe Ausrichtung der Antwerpener Schule zeigt vor allem das auf einem Steckenpferd reitende Kind, aber auch das Christuskind, das eine Weintraube aus der Hand Annas angeboten bekommt, eine Vorausdeutung auf das Blut Christi und seinen Opfertod am Kreuz. Im oberen Teil ist als besonderes Relief das Tempelopfer Joachims dargestellt. Unter diesem zentralen Feld folgt die Vermählung Josefs mit Maria. Das linke Bildfeld zeigt den Tempelgang Mariens (ursprünglich die  Auswahl ihres Gatten Stollanus durch Emerentia); auch hier gibt es eine obere Sonderszene mit Anna zwischen ihrer Mutter Emerentia und ihrem Vater Stollanus. Das rechte Bildfeld zeigt Joachim und Anna, die Eltern Marias, bei der Verteilung von Almosen, wiederum durch eine eingefügte obere Szene mit der Annenhochzeit gefüllt. Unter diesem geschnitzten oberen Teil des Altares ist die Expositionsnische, unter der bis zur Neugestaltung dieses Bereiches im vergangenen Jahr das 1894 eingebaute und jetzt wieder entfernte Tabernakel war. Begrenzt wird dieser Altarteil rechts durch die in einer Nische stehende Figur des Johannes Evangelista und links durch die Nischenfigur des hl. Jakobus des Älteren (ursprünglich: Petrus). Beide Figuren stammen aus dem Petrusaltar. Abgeschlossen wird diese Altarebene (Predella) durch zwei Engelfiguren an der linken bzw. rechten Außenseite.


An diesen Altarkorpus wurden 1862/64 jeweils ein Seitenflügel angefügt, die bei der jüngsten Restaurierung des Altares im Dezember 2005 seitenverkehrt getauscht wurden, damit deren Bildseite im Jahreskreis sichtbar ist, während in der Fastenzeit und im Advent bei geschlossenem Zustand als Ornamentmalerei links Alpha und Omega, rechts das Christuszeichen Chi - Rho sichtbar sind. Jetzt ist auf der rechten Tafel des Mittelauszuges der hl. Antonius (Einsiedler) zu sehen, während die andere hochrechteckige Tafel einen hl. Ritter zeigt. Unter der Antonius-Tafel befindet sich jetzt als rechter Seitenflügel der hl. Martin mit Bettlergestalt und Maria mit dem Jesuskind, auf der linken Seite Anna und der Drachentöter Georg. Bei der kürzlich abgeschlossenen Restaurierung dieser Bildfelder hat man ältere übermalte Partien entdeckt; so hält die hl. Anna die beiden birnenförmigen Früchte in "zwei" rechten Händen. Christoph Schaden hat in seiner Untersuchung dieses Antwerpener Schnitzaltares nachweisen können, dass der Annenaltar ursprünglich zwölf (!) heute thematisch bekannte, aber z.T. verschollene Bildtafeln aufwies. Das Bildprogramm des Annenaltares war ganz auf die immaculata conceptio, die unbefleckte Empfängnis, ausgerichtet. Auch Bildflügel des im Hauptaltar aufgegangenen Petrusaltares wurden: in der Schweiz, in Tschechien, in Museen in den Niederlanden und England wiederentdeckt. Im Chor des nördlichen Seitenschiffes sind an die Stelle des ehemaligen neugotischen Herz-Jesu-Altares von 1899, dessen Zentralfigur heute links neben dem Weihwasserbecken im südlichen Seitenschiff steht und dessen beiden anderen Reliefs (Abendmahl und Kalvarienberg) in der Sakristei aufbewahrt werden, seit 1996 drei Figurenfelder getreten. Sie stammen aus dem hier ca. 1490 aufgestellten Petrusaltar, ebenfalls einer Antwerpener Arbeit. Diese drei zu einem neuen Altarensemble zusammengefassten Retabelfragmente haben eine Marienthematik. Von links nach rechts ist es die Verkündigungsszene mit einer kleineren Szene der Heimsuchung, in der Mitte das Weihnachtsgeschehen mit der Anbetung des (fehlenden) Kindes und rechts die Anbetung der hl. Drei Könige mit der kleineren Szene der Beschneidung des Herren. Diese Bildfelder waren 1807 mit dem Annenaltar vereint worden, wobei diese drei Felder unter den Annenteil eingebaut, aber schon 1862 wieder entfernt wurden. In diesem Zusammenhang wurden auch bemalte Klappflügel des Petrusaltares entfernt. Auch hier lassen sich durch die Nachforschungen Schadens die Darstellungen rekonstruieren, da die Aufbewahrungsorte samt Besitzer von vier Tafeln bekannt sind und es von den restlichen acht Tafeln fotographische Überlieferungen gibt. Im geschlossenen Zustand waren es: der hl. Petrus mit Stifterfigur, die hl. Maria mit Kind, die hl. Katharina, der hl. Johannes Evangelista , im Mittelzug darüber die hl. Barbara und die hl. Agnes, bei geöffnetem Zustand im Mittelzug die Berufung Petri zum Apostel und das Johannesmartyrium und in der Vierergruppe das Martyrium Petri, Tempelgang Mariens, Marienhochzeit und Johannes auf Patmos. Höchstwahrscheinlich die Seitenflügel dieses Petrus-Altares, bestimmt aber die des Annenaltares hatte der damalige Pfarrer Carman an den Kölner Regierungsrat und Kunstsammler Freiherr von Haxthausen sozusagen als "überflüssigen Krempel" verkauft. Es waren wahrscheinlich insgesamt 22 Tafeln. Die ungewöhnliche Zusammenstellung der Altarmotive müssen die Stifter bestimmt haben. Eine Urkunde von 1486 nennt die Patrizierfamilien zur Bach und Schiderisch, die in Euskirchen, aber auch in Köln Bürgermeister stellten. Erklärbar ist die Bildauswahl, wobei die Bilder z.T. als "Massenware" hergestellt wurden, mit lokalen Bezügen zu Pfarrpatronen, Altar- oder Bruderschaftsheiligen. Als Maler dieser zwölf Petrus-Altarbilder vermutet man die Werkstatt von Colijn de Coters, der als gebürtiger Brüsseler seit 1493 in Antwerpen nachweisbar ist. Es steht aber eines fest, dass die beiden Antwerpener Schnitzaltäre, die den heutigen Hochaltar bilden, jeder für sich kostbare und z.T. singuläre Arbeiten darstellen und die ersten im Eifelraum waren. Zugleich belegen sie, dass es Transport- und Handelswege zwischen dem Kölner und Antwerpener Raum gegeben hat und dass das Gemeinwesen Euskirchen, nachdem es 1302 die Stadtrechte erhalten hatte, knapp 200 Jahre später, also um 1500, eine Blütezeit erlebte, die es den Bürgern erlaubte, das Gotteshaus baulich zu modernisieren und der Zeitströmung entsprechend neu auszustatten. Nicht mehr die Kölner Malerschule, sondern die Antwerpener Schnitzaltäre waren gefragt. Auch das südliche Seitenschiff hatte ursprünglich einen neugotischen Marienaltar als Abschluss. Die Muttergottes mit dem Christuskind war die Zentralfigur; in den beiden Nischen standen links der hl. Judas Thaddäus und rechts der hl. Sebastian. Alle drei Figuren werden heute in der Sakristei aufbewahrt. Der Altar wurde 1972 durch die Madonnenstele aus Lahnsteinmarmor des Kölner Künstlers Hein Gernot ersetzt. Dieses moderne Werk, dem Interieur der Kirche nicht angepasst, mit einer Pieta-Darstellung auf der Vorderseite hat in der Expositionsstelle eine Mondsichelmadonna aufgenommen, die Tilman Riemenschneider bzw. seiner Schule zugeschrieben wird. Während Maria einen faltenreichen Mantel trägt, ist das Kind unbekleidet. In diesem südlichen Chorraum sind bei den jüngsten Restaurierungsarbeiten (1999) ein musizierender Engel mit angrenzenden Blumenornamenten freigelegt worden. Der Engel war unter der fünften Malschicht verborgen und stammt aus dem 15. Jahrhundert, die Blumenranken wohl aus dem 18. Jahrhundert. Aus dem 19. Jahrhundert stammt das Wandgemälde im Nazarenerstil. Das rechte große Bildfeld zeigt die thronende Muttergottes mit dem Kind; ihr reicht der hl. Dominikus einen Rosenkranz. Im darunter verlaufenden Arkadenfries sind Symbole der Lauretanischen Litanei dargestellt. Der aufgemalte Wandvorhang ist jüngeren Datums. Der heutige Zelebrationsaltar im vorderen Teil des Hauptchores ist der 1979/80 umgestaltete ehemalige Predigtstuhl von 1877. Die Antipendien bilden auf der Front die Evangelisten Markus und Matthäus, an den Seiten Lukas und Johannes.


2. Die anderen Kunstwerke

Das 7-sitzige Chorgestühl der Südseite stammt aus der 2. Hälfte des 15. Jh. und weist an den Wangen Schmuckelemente auf. Hier beteten einst die Vikare der einzelnen Altäre, wenn sie an feierlichen Messen teilnahmen. Kopiert wurde es zur Herstellung von Symmetrie im Jahre 1903 an der gegenüberliegenden Nordwand. Der Ambo stammt als Donatuskonsole aus dem 19. Jh. und wurde fast zeitgleich mit der Schaffung des Zelebrationsaltares zum Vorlesepult umfunktioniert. In der Nordwand in der Höhe des Ambo ist eine Steinmetzarbeit aus dem 15. Jahrhundert zu finden, die die Befreiung Petri aus dem Gefängnis darstellt. Man vermutet, dass sie einen Zusammenhang mit dem Petrusaltar hat.
Ebenfalls aus der Zeit der inneren Umgestaltung der Kirche zu Ende des 15. Jahrhunderts stammt das aus französischem Kalkstein gefertigte Sakramentshaus (mit Parallele in Kleve und Linnich), das eines der herausragendsten Werke dieser Art im rheinischen Kunstraum darstellt. Über einem von vier Löwen getragenen Sockel ist ein hochrechteckiger, mit schmiedeeisernen Gittern verschlossener Schrein sichtbar, der von einem Kielbogenbaldachin überfangen wird, unter dem in drei Reliefs die Ölbergszene, das letzte Abendmahl und die Kreuzigung Jesu dargestellt sind. Die Eckprofile waren mit Figurenschmuck versehen, die sich aber nicht erhalten haben und bei der Restaurierung durch eine untere Reihe mit Kirchenheiligen (St. Martin - Donatus - Matthias) und eine obere Reihe mit Propheten des alten Testamentes ersetzt sind. Der bis in die Gewölbezone reichende fein gegliederte Turmbaldachin wird an seiner Spitze durch einen Pelikan gekrönt. Nach Restaurierungsarbeiten in den 1950er und zwischen 1976 bis 1980 Jahren wurde es zuletzt 2002/03 mit figuralen Ergänzungen von Peter Mittler aus Mendig und einem vergoldeten Tabernakelzylinder versehen und am Martinspatrozinium 2003 seiner Bestimmung wieder übergeben.
Aus dem ausgehenden 16. Jh. stammt das Epitaph des Heinrich von Binsfeld, gestorben 1576 und seiner Frau Elisabeth von Horst, gestorben 1595, ehemals Besitzer der Burg Kessenich bei Euskirchen, an der Nordwand des Chores. Die verstorbenen Eheleute knien betend mit ihren Kindern (fünf Söhnen und vier Töchtern) im unteren Bildfeld der säulengerahmten Renaissance-Architektur. Das Vertrauen auf den Glauben zeigt die darüber angeordnete und von den Ahnenwappen umrahmte Auferstehungsszene, insgesamt eine in der Kunstgeschichte sehr geschätzte Qualitätsarbeit im Florisstil. Heinrich von Binsfeld war Rat des regierenden Herzogs von Jülich, Marschall und zuletzt Amtmann von Blankenberg an der Sieg.
Ergänzend dazu muss man die Grabplatte an der Nordwand des nördlichen Seitenschiffes sehen, die Heinrich von Binsfeld als Ritter darstellt mit Familien- und Ahnenwappen. Sie deckte ursprünglich das Grab am nördlichen Chorpfeiler bis etwa 1860, wurde danach an den dortigen Chorpfeiler gestellt, stand dann zwischen 1934 und 2003 an der östlichen Außenwand des südlichen Seitenschiffes und wurde wegen der starken Verwitterung 2003 ins Kircheninnere geholt. Die Umschrift weist auf die Stellung Heinrichs von Binsfeld hin.


Erwähnenswert sind weiterhin die Figuren an den Pfeilern des Mittelschiffes, beginnend mit dem hl. Donatus (18. Jh.) am nördlichen Chorpfeiler, ihm gegenüber der hl. Martin (18. Jh.) als Almosen spendender Bischof. Es folgen eine Pieta (1. Hälfte des 15. Jh.) und der hl. Joseph mit dem Jesusknaben (1927) sowie am letzten Pfeilerpaar die hl. Gertrud (dargestellt als Äbtissin, vor 1200;  aus der ehemaligen Filialkapelle in Kessenich stammend) und der hl. Sebastian von 1708 (ehemals Zentralfigur des Sebastianus-Altares). Im Durchgang unter dem Turm befindet sich die Fatima-Madonna, von der portugiesischen Gemeinde dort ca. 1975 aufgestellt. Im südlichen Seitenschiff befindet sich ferner ein Tafelgemälde (um 1600), das die Kreuzabnahme zeigt. Bedeutsam ist die Szenerie, die den Arenberg im Hintergrund und als Stifterfiguren vermutlich Johann und Margarete von Arenberg zeigt. An den Langhauspfeilern sind seit 1978 die von dem Kölner Künstler Weinert geschaffenen bronzenen fünfzehn Kreuzwegstationen aufgehängt; sie ersetzen die alten in Öl gemalten vierzehn Stationen eines neugotischen Kreuzweges von ca. 1900.
Das älteste Steinbildwerk (Maastrichter Blaustein), das noch aus der Zeit vor der Erhebung St. Martins zur selbständigen Pfarrei (1190) stammt, ist der Taufstein in der Taufkapelle. Vier kleine Säulen und ein Mittelzylinder tragen das reliefierte Becken, mit vier Eckköpfen und in den Feldern mit Drachen verziert, die alle apotropäischen Charakter haben. Ein weiteres Kleinod ist das zur Zeit in Restaurierung befindliche gotische Kreuz, das um 1300 datiert und als westfälische Arbeit gedeutet wird. Es scheint ein Unikat zu sein; Corpus und Kreuz gehören von Anbeginn zusammen. Bisher konnten mehrere Farbschichten abgetragen und notwendige Ausbesserungen im Stil der Zeit vorgenommen werden. Die im Zweiten Weltkrieg 1944 zerstörten figürlichen Buntglasfenster sind durch Neuanfertigungen ersetzt. Die drei Fenster des Hauptchores über dem Altar wurden 1953/54 von dem Kölner Künstler Steinkrüger als geometrisch gestaltete Maßwerkfenster in Farbverglasung geschaffen. Die Fenster des nördlichen Seitenschiffes 1956 von der Gocher Firma Menke auf Veranlassung des damaligen Ehrendechanten Aloys Schelauske (1931-1957); die restlichen Chorfenster (abstrakte Gestaltung mit Weinreben, Regentropfen bzw. stilisierten Ähren), die Fenster des südlichen Seitenschiffes (abstraktes Rosenmotiv) - beide von 1970-73 - und die Fenster des südlichen Eingangsportals von 1977 (St. Martin und Donatus; Oberlicht mit Katze) wurden von dem Leverkusener Künstler Paul Weigmann gestaltet. Die Taufkapellenfenster, wobei das altchristliche Symbol des Fisches verwandt wurde, gestaltete und führte  wiederum aus die Gocher Firma Menke im Jahre 1954 aus Anlass des goldenen Priesterjubiläums des Ehrendechanten Schelauske. Die Orgel gilt als eine der klangschönsten im Rheinland, besitzt 2 Manuale zu je 10 Registern sowie 8 Pedalregister. Wahrscheinlich befand sich die im Kern aus 1717 (Barockzeit) stammende Orgel als Schwalbennestorgel an der nördlichen Chorwand in der Höhe des Ambo. Bei der Aufstockung der Sakristei 1820 wurde sie durch den Kölner Orgelbauer Engelbert Maaß in das Turmgeschoss eingebaut und erweitert. Der Orgelbauer Johannes Müller aus Viersen vergrößerte 1856/60 das neue Hauptwerk noch um ein selbständiges Pedalwerk, so dass jetzt 27 Register zur Verfügung standen. Sie bekam eine romantische Stimmung. Durch den Bombenluftdruck hatte die Orgel im Zweiten Weltkrieg sehr gelitten, ebenso durch ein Erdbeben 1951. Im Zuge der Gewölbestabilisierung im Mittelschiff nahm 1953/54 der Göttinger Orgelbauer Paul Ott eine gründliche Renovierung vor und gab ihr wieder die barocke Stimmung. Eine erneute Generalrestaurierung erfolgte in den Jahren 1970 - 76 durch die Hellenthaler Orgelbaufirma Weimbs. Unter Verwendung des alten Prospektes wurde ein neues vergrößertes durch den Kommerner Bildhauer Heribert Trimborn geschaffen; Gangolf Minn (Brühl) gab der Orgel eine neue farbliche Fassung.


Auch das Geläute hat Veränderungen erfahren. Es umfasst die Herrenglocke von 1335 (Meister Siegfriede aus Mainz ?), die Angelus-Glocke von 1409, die 1520 durch Jan von Trier gegossenen Katharina-, Genoveva- und Annaglocke, die Kleine Annaglocke des Meisters Jan van Alfter 1513) und die mittlerweile 2005 durch Neuguss von der Firma Eijsbouts in Asten (NL) ausgetauschten (neue) Martinus und (Donatus-. jetzt wieder) Johannes-Glocke (Originalabguss von 1600).

3. Der Kirchenschatz
Ausdruck mittelalterlicher Frömmigkeit und des Reichtums der St.-Martins-Pfarre ist der wertvolle Kirchenschatz, der zum Teil in bekannten Kölner und Antwerpener Werkstätten gefertigt wurde.Davon sind Beispiele im Stadtmuseum zu sehen:
Vor allem der gotische Messkelch vom Ende des 13. Jh. gilt als der älteste des Rheinlands. Rosen als mystisches Passionszeichen zieren den Nodus; atropäischen Charakter haben Fabel- und Vogelgestalten; Weinlaubranken sind das eucharistische Symbol. Ein zweiter Messkelch stammt aus der 1. Hälfte des 17. Jh. und ist eine Kölner Arbeit mit Kruzifix im Fuß, Engelsköpfen im Nodus und Blattranken auf der Kuppa Auch der dritte Kelch stammt aus dem 17. Jh.; er weist einen sechspassigen Fuß auf und umlaufendes Rillendekor.  Ein weiterer neugotischer Kelch ergänzt die Sammlung.  Von herausragender kunstgeschichtlicher Bedeutung ist auch die Turmmonstranz mit dem hl. Martin, durch das Stadtwappen als Spezialanfertigung für diese Kirche ausgewiesen. Der Fuß zeigt die vier Evangelisten und eine Strahlenkranzmadonna auf.. 1783 wurde das Ostensorium für die Reliquie des hl. Donatus in Auftrag gegeben, als die Pfarre von der Münstereifeler Stiftskirche St. Chrysanthus und Daria Reliquienpartikel erhielt. Die richtige Datierung des Martinusreliquiar wird  noch erforscht. Von hohem Wert sind auch drei Kaseln: so vor allem die Kasel mit der Darstellung der Kreuzigung Christi, die zugleich im Wappen auf die Stifter, Bernhard von Nesselrode (gest. 1510) und seine Gemahlin Margarethe von Bourscheidt (Besitzer der Burg Veynau), verweist und im letzten Drittel des 15. Jh. entstanden ist.  Die Dreikönigskasel (Anfang 16. Jh.; Köln), weist im Kaselkreuz die Anbetung der hl. Drei Könige auf; auch die weiteren Felder beziehen sich auf die Weihnachtsgeschichte. Auch auf der dritten Kasel von 1620 befindet sich die Kreuzigungsszene. Kostbare Handschriften gehören ebenso in den Besitz von St. Martin. Unter ihnen ragt   ein Missale der Kölner Schreibschule (Kloster Weidenbach) von ca. 1470 heraus. Er enthält eine Stadtansicht, die lange Zeit als Prospekt der Stadt Euskirchen gedeutet wurde, was aber nicht haltbar ist. Daneben existieren noch viele kostbare liturgische Geräte und Handschriften, so dass man den Reichtum dieser ältesten Pfarre Euskirchens leicht daran ablesen kann. Zugleich aber zeigt dies, dass die Gläubigen sich ihrer Kirche verbunden fühlten und die nötigen Geldmittel zum Erwerb der Gegenstände aufbrachten, die zugleich Zeugnis ihres Kunstsinns geworden sind.