Stadtarchiv Euskirchen erhält bedeutende historische Unterlagen aus Privatbesitz
Die Familie Verbeek aus Euskirchen hat dem Stadtarchiv Euskirchen einen Koffer, vier Archivkartons und drei Protokollbücher mit schriftlichen Dokumenten aus dem späten 17., dem 18. und 19. Jahrhundert übergeben. Die Unterlagen befanden sich seit Generationen im Besitz der Familie und waren immer wieder weiter vererbt worden.
Bei dem Schriftgut handelt es sich zum einen um private und geschäftliche Unterlagen der Familie Caspers aus Arloff, die vom Lehrer Matthias Caspers vor ca. 150 Jahren gesammelt und seither aufbewahrt worden waren. Die Geschwister Gisela, Hilde und Hermann Verbeek sind die direkten Nachfahren des Lehrers Caspers.
Zum zweiten beinhalten die Unterlagen wertvolle Dokumente des Schöffengerichts Arloff / Weingarten bis zu dessen Auflösung durch die Franzosen im Jahr 1794. Das Schöffengericht Arloff / Weingarten gehörte zum kurkölnischen Amt Hardt mit Amtssitz auf der Hardtburg. Es war zuständig für die Orte Weingarten, Rheder, Arloff und Kirspenich und war neben dem Schultheiß mit jeweils einem Schöffen aus den vier Ortschaften besetzt. Neben der primären Tätigkeit in der streitigen Gerichtsbarkeit übernahmen die Schöffengerichte auch Aufgaben der freiwilligen Gerichtsbarkeit, etwa die Beglaubigung von Urkunden und andere öffentlich-rechtliche Aufgaben, wie Markt- oder Forstaufsicht und Wasser- und Weideangelegenheiten. So finden sich in den Unterlagen z. B. Abrechnungen über erbrachte Einquartierungsleistungen für fremde Truppen, Streitigkeiten über Wald- und Weiderechte, Steuertaxierungen, Eheabredungen und Testamente, die zum Teil alle zum Amt Hardt gehörenden Orte betreffen (auch die Dingstühle Kuchenheim, Mutscheid, Stotzheim, Zingsheim, Weyer, Büllesheim und Ringsheim). Damit sind die Unterlagen für die Region Euskirchen von größtem Wert. Sie geben nicht nur Einblicke in die Sozialgeschichte der Orte, sondern decken bislang unbekannte und unerforschte historische Zusammenhänge auf.
Besondere Bedeutung besitzen die im Bestand erhaltenen Strafgerichtsprotokolle. Hier geht es z.B. um einen jungen Studenten aus Weingarten, der den Karmelitessen in Münstereifel einen gefälschten Schuldschein verkauft, da er dringend Geld benötigt, um seine Spielschulden in Köln zu tilgen. Es geht aber auch um Prügeleien und Morde.
Spektakulär ist der Prozess gegen Gertrud Orth aus Weingarten, die 1768 wegen Kindsmord hingerichtet wurde und deren Schicksal unter dem Pseudonym „Annchen von Kalkar“ in der Folgezeit Gegenstand von regionalen Sagen geworden ist. Das Auffinden dieser Protokolle, die seit Jahrzehnten als verschollen galten, ist eine kleine Sensation und verdient unbedingt eine wissenschaftliche Aufarbeitung, die im Stadtarchiv derzeit geleistet wird, und später eine öffentliche Präsentation
Bürgermeister Dr. Uwe Friedl und Dr. Gabriele Rünger, Leiterin des Stadtarchivs, freuen sich sehr, dass sich die Familie Verbeek entschlossen hat, diesen wertvollen Bestand im Stadtarchiv Euskirchen zu deponieren. Eine umgehende Erschließung und Auswertung des Bestandes, der größte Bedeutung für die Lokalgeschichte hat, wurde vertraglich vereinbart und wird durch das Stadtarchiv vorgenommen.
