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Sankt Martinus

Fabio Cecere

Der Name Kirchheim und die vielen weiteren auf "-heim" endenden Ortsnamen im Bereich südlich von Euskirchen deuten auf die Zugehörigkeit dieser Orte zu einem planmäßig angelegten Krongutbezirk der karolingischen Zeit hin. In Kirchheim hat wahrscheinlich bereits im 9. Jh. eine Kirche gestanden, die der, aus der Rodung des Flamersheimer Waldes entstandenen, Siedlung den Namen gegeben hat. Man vermutet, dass die Pfalzkapelle der Hockebur das erste Gotteshaus in Kirchheim war, das durch die Normannen jedoch zerstört worden sein soll. Zu früher Berühmtheit der Gegend verhalf zusätzlich eine Anekdote aus der Karolingerzeit, nach der Ludwig der Deutsche 870 auf der Hockebur weilte. Als er das obere Stockwerk bestieg, sei er infolge des morschen Gebälks eingestürzt. Der König brach sich zwei Rippen, dennoch habe er am nächsten Tag den Weg nach Meersen an der Maas fortgesetzt. Um 900 wurde dann eine neue Kirche errichtet, die bis 1672 existierte. In den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ging jedoch das Kirchengut größtenteils verloren, als beispielsweise einige Einwohner Teile des Kircheninterieurs verkauften. 1666 erhielt die Kirche eine neue Decke, 1704 wurde der Turm erneuert. Im 19. Jh. entschloss man sich schließlich die alte Kirche abzureißen und sie durch einen Neubau zu ersetzen. 


Außen:

Der heutige Bau wurde zwischen 1868 und 1870 von K. F. Schubert aus Bonn errichtet. 1871 wurde St. Martinus konsekriert. Die dreischiffige, vierjochige Backsteinhalle mit eingezogenem, dreiseitig geschlossenem Chor ist von Sakristeibauten flankiert. St. Martinus besitzt einen vorgelagerten, fünfgeschossigen Westturm mit sparsamen Buntsandsteingliederungen, schmalen spitzbogigen Fensteröffnungen und spitzbogigem Westportal im neugotischen Stil. An allen vier Seiten befinden sich die weit sichtbare Zifferblätter der Turmuhr. Zweibahnige, spitzbogige Maßwerkfenster mit Sandsteinrahmung und abschließenden liegenden Dreipässen schmücken die Kirche zusätzlich, ebenso wie die schmalen, einmal abgetreppten Strebepfeiler. An den beiden Tympana der Seitenschiffsportale befinden sich heute Mosaikbilder, die der Künstler Heinrich Seepolt Mitte der 1950er Jahre schuf. Sie zeigen alttestamentarische Abbildungen vom brennenden Dornenbusch sowie vom Lamm Gottes. Auch die Fenstergestaltung im westlichen Bauteil von St. Martinus, sowie die Mosaikarbeiten am benachbarten Josefhaus wurden von ihm ausgeführt.

Im Chorscheitel war lange Zeit eine romanische Maskenkonsole, die wohl vom Vorgängerbau stammte, eingesetzt. Die Datierung ist nicht abschließend geklärt, heißt es in unterschiedlichen Beschreibungen mal, dass der Kopf aus römischer, aus fränkischer, oder aus romanischer Zeit stamme. Sie hat man in den 1990ern nach Innen geholt, wo man sie nun im Narthex betrachten kann. Ferner hat man an der Ostseite der Kirche Grabkreuze aus Sandstein, Basalt und Blaustein aufgestellt. Reste der alten Kirche findet man noch auf dem Friedhof auf der gegenüberliegenden Straßenseite. In den Jahren nach 1945 hat sich Dechant Emonds mit Hilfe seiner Pfarrgemeinde der Ausstattung des Gotteshauses besonders angenommen. Dach und Turm wurden erneuert, desgleichen Chor und Altar. Neue Glocken wurden beschafft. 1963 mußte die Kirche statisch gesichert werden, da die Fundamente der Westseite nachgegeben haben und sich gefährliche Risse im Gewölbe bemerkbar machten.


Innen:
Man betritt die Kirche durch ein Portal im Westturm, das mit aufwendiger Maßwerkzier im Tympanon geschmückt ist und befindet sich in der Vorhalle in der, ebenso wie westlich neben der Kirche, der Opfer beider Weltkriege gedacht wird. Der luftige Langhausinnenraum ist mit Kreuzgratgewölben gedeckt, die auf schlanken Säulen mit Blattkapitellen ruhen. Der Chor ist in Anlehnung an spätstaufische Einwölbungen mit Kreuzrippengewölbe und einem sechsteiligen Wulstrippengewölbe über halbrunden Wanddiensten geschlossen.

Ausstattung:
Von der alten Ausstattung gibt es in der heutigen Kirche leider nicht sehr viel, wurden, wie erwähnt, doch die Glocke und weitere Gegenstände aus dem alten Kirchengut im 17. Jh. verkauft. Beim ehemaligen Kirchheimer Altar- und Vortragekreuz handelt sich zum Beispiel um einen Bronzeguß des Corpus Christi aus der Karolingerzeit. Es befindet sich heute in der Kapelle "Tancremont" bei Banneux (Belgien/Ardennen). Unter der neugotischen Ausstattung der Erbauungszeit sind jedoch auch einige Stücke besonders bemerkenswert: Mensen der Seitenaltäre, Kanzel, Gestühl, Kreuzwegstationen, hölzerne Empore mit originaler Orgel. St. Martin besitzt außerdem einige sehr aufwendig gearbeitete Monstranzen. Unter anderem ein goldenes Martinsreliquiar in Form eines Bischofsstabes, das für das Jahr 1958 eine äußerst progressive und moderne Arbeit darstellt.

Seitenaltäre:
Auf dem nördlichen Seitenaltar befindet sich eine kleine spätmittelalterliche Holzskulptur der Muttergottes, Köln, Anfang 16. Jh., neu gefasst.



Kirchenfenster:
Eine besondere Zierde des Gotteshauses ist das Michaelsfenster nach dem Vorbild von Chartres. Das Miles-Christi-Fenster wurde ebenso von Heinrich Seepolt gestaltet.

Orgel:
Die originale Schornorgel auf der hölzernen, neugotischen Orgelempore von 1878 wurde Ende der 1990er restauriert und wurde mit einem Festakt im September 1997 wiedereingeweiht.

Glocken:
Im Jahr 1991 erhielt St. Martinus zwei neue Glocken aus der Glockengießerei Mabilon in Saarburg. Die Glocken sind mit den Inschriften: "In honorem salvatoris mundi” und " In honorem S. Mariae Reginae pacis” versehen.