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Tuchstadt Euskirchen

Vor dem Ersten Weltkrieg gab es in Euskirchen 21 Tuchfabriken. Sie alle reihten sich wie Perlen an den Wasserläufen der Stadt aneinander und bestimmten mit ihren Silhouetten der rauchenden Schornsteine das Aussehen der Stadt. Zum Waschen, Walken und Färben benötigten sie das Wasser der Erft, des Erftmühlenbaches, des Veybaches und des Mitbaches. Am Veybach drängten sich die Fabriken besonders dicht aneinander. Die Euskirchener prägten hierfür die Redensart, dass man "mit einem Steinwurf acht Tuchfabriken treffen könne.”

Im Jahr 1913 waren in der Industrie Euskirchens 2.685 Menschen beschäftigt, von ihnen arbeiteten 1.187 in der Tuchindustrie.

Angefertigt wurde in Euskirchen neben einem zunächst noch größeren Anteil von Zivilware immer mehr Uniformtuche.

Die Militärtuchaufträge waren die Grundvoraussetzung für die Entwicklung Euskirchens zur Industriestadt im 19. Jahrhundert. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen Lieferungen für die Marine, aber auch für Bahn, Post und städtische Behörden hinzu.

Vor dem Ersten Weltkrieg produzierten elf der insgesamt 21 Euskirchener Fabriken ausschließlich Uniformtuch. 

Ein Arbeitstag in der Tuchfabrik dauerte in der Regel 13 Stunden. Die meisten Beschäftigten stammten aus Euskirchen. Männer verrichteten meist qualifiziertere Arbeiten als Spinner und Weber und wurden dafür auch besser bezahlt. Die Frauen hingegen wurden für weniger qualifiziertere Tätigkeiten, etwas als Nopperinnen eingesetzt.

Die Militärtuchaufträge sicherten der Euskirchener Textilindustrie ihr Auskommen und ihren Wohlstand.  Die Konjunkturzyklen der Euskirchener Tuchfabriken verliefen entgegen denen der übrigen Textilindustrie:  in Hochrüstungsphasen oder während der Kriege florierte die Tuchindustrie. In Friedens- und Abrüstungsphasen blieben die Aufträge aus.

So flotierte die Tuchindustrie bis 1945. Ihre Besitzer zählten zu den einflußreichsten Dynasten der Stadt.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte der Euskirchener Tuchindustrie starke Zerstörung ihrer Werke. Mangel an Rohstoffen und eine Fabrikationsverbot der englischen Besatzung machte den Wiederaufbau schwer. Uniformtuche wurden nun kaum noch benötigt, man mußte auf Ziviltuche umstellen.

1950 war die Textilindustrie mit 18 Betrieben und 1176 Arbeitsplätzen wieder Euskirchens größte Branche. Die moderne Automation der 1960er Jahre erfordere große finanzielle Aufwendungen, manche Familienvermögen der Euskirchener Tuchmacherfabrikanten reichten dafür nicht aus. Ein verändertes Modebewußtsein machte es den Tuchfabrikanten schwer. Chemisch hergestellte Fasern eroberten den Markt. Die unausweichliche Folge war ein schrittweises Aufgeben aller Euskirchener Tuchfabriken. Als letzte Tuchfabrik im Stadtgebiet Euskirchen schloß 1982 die Firma Ruhr - Lückerath ihre Pforten.