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Sankt Nikolaus

Frank Bartsch und Hans Helmut Wiskirchen, überarbeitet von Fabio Cecere

Kuchenheim entwickelte sich im Frühmittelalter aus zwei Ortskernen heraus, die zwei verschiedenen Grundherrschaften angehörten. Der ältere Teil des Doppeldorfes im Norden (Unteres Kuchenheim) unterstand den Grafen von Monschau bzw. seit 1355 den Herzögen von Jülich, der südliche Teil (Oberes Kuchenheim) zählte zum Herrschaftsbereich der Kölner Erzbischöfe. Analog zu dieser politischen Sonderkonstellation entwickelten sich auch zwei unterschiedliche Kirchengemeinden, nämlich die der Kirche St. Lambertus im Unteren Kuchenheim bzw. der Pfarre St. Nikolaus auf dem Boden der Kölner Grundherrschaft. Über das Alter und die Stellung beider Kirchen geben die ältesten Quellen keine genaue Auskunft. 1258 wird lediglich eine Pfarrkirche in Kuchenheim angegeben. Die Existenz zweier Kirchen bestätigt erstmals eine Urkunde um 1300, die beide Kirchen nebeneinander mit ihren Patrozinien und Pfarrern erwähnt.

St. Lambertus
Dafür, dass St. Lambertus wahrscheinlich die ältere Kirche ist, spricht ihre Lage am Dorfrand auf dem heutigen Friedhof. Jüngere Kirchen wurden meist in der Mitte des Dorfes, wie St. Nikolaus, errichtet. Um 1308 wird im "Liber Valoris", einem Besitzverzeichnis der Erzdiözese Köln, das Gebäude als Pfarrkirche angegeben. Seit der Mitte des 14. Jh. befand sich das Patronatsrecht in der Hand der Jülicher Herzöge, die es 1631 dem Jesuitenkollegium in Münstereifel übertrugen. 1550 wird die Pfarrkirche St. Lambertus als freie Kapelle ("libera capella") der Mutterkirche ("Moderkirche") St. Nikolaus bezeichnet. Diese Rangverschiebung hängt mit den eingeschränkten Pfarrrechten von St. Lambertus zusammen, da das Taufrecht ausschließlich bei St. Nikolaus lag. 1794 wurde die Pfarre von der französischen Regierung aufgehoben und St. Nikolaus zugewiesen. 1822 wurde das Kirchengebäude schließlich wegen Baufälligkeit abgebrochen, nachdem man bereits 1819 den Turm niederlegte, da man das Steinmaterial für die Fundamente der neuen St. Nikolauskirche benötigte.

St. Nikolaus
Die Gründung der St. Nikolauskirche geht vermutlich auf die Initiative des Kölner Stiftes St. Kunibert im 12. Jh. zurück. Das Nikolauspatrozinium, das erst gegen Ende des 11. Jh. nach der Überführung der Gebeine des Heiligen von Myra in Kleinasien nach Bari in Apulien 1087 im nordwestlichen Europa seine Verbreitung fand, könnte hierfür gleichfalls als Indiz angeführt werden. Die erste Erwähnung dieses Patrons in Kuchenheim erfolgte um 1300, eine Zeit, in der die Kirche bereits zur Pfarrkirche erhoben war.


Außen:
Das heutige Erscheinungsbild der geosteten Kirche ist geprägt durch die wechselvolle Baugeschichte. An den mittelalterlichen Westturm schließt sich auf kreuzförmigem Grundriss in neugotischen Formen das Langhaus (1819 - 22) und Querschiff mit dem Chor (1909 - 11) an. Der axial dem Langhaus vorgelagerte Westturm aus Bruchstein erhebt sich über einen quadratischen Grundriss. Die sechs Geschosse des verputzten und ziegelrot getünchten Turmes sind durch zahlreiche Maueranker markiert. Die unteren fünf Geschosse, die den ältesten Teil der Kirche bilden, sind ungegliedert. An der Süd- und Westseite befindet sich mittig ein kleines Spitz- bzw. Rundbogenfenster. Die Lichtschlitze in den oberen Geschossen sind teilweise asymmetrisch angeordnet. Ein Gurtgesims markiert den Übergang zum sechsten Geschoss, der Glockenstube, das auf jeder Seite ein gekuppeltes Spitzbogenfenster mit hölzernen Schallläden aufweist. Im Blendbogenfeld befindet sich an allen vier Seiten das Zifferblatt einer Uhr. Der Turm hat bis zum Traufgesims eine Höhe von 25,50 m. Darüber erhebt sich ein achtseitiges, 12 m hohes schiefergedecktes Pyramidendach mit breitem Fußwalm, das von einem Kreuz mit Hahn bekrönt wird. Der Kirchturm ragt mit einer Gesamthöhe von 37,50 m in den Himmel. Das Langhaus (Backstein) lehnt sich an den Turm an und reicht in der Breite 3,50 m über ihn hinaus. Die schlichte Gliederung der südlichen und nördlichen Langhauswand entspricht dem Charakter einer Dorfkirche. Vier gleichmäßig angeordnete große Spitzbogenfester werden von spitzbogigen Blendarkaden eingefasst, die sich durch ihren weißen Verputz von der steinsichtigen Fassade absetzen. Begrenzt wird die Wandfläche durch seitliche Lisenen (Putz), die Quader imitieren und über die westlichen Ecken reichen, sowie ein schmales profiliertes Traufgesims (Holz). Die rechteckigen, über vier Stufen erreichbaren hölzernen Eingangsportale (Hausteinrahmung) befinden sich an der Süd- und Nordseite unterhalb der westlichen Fenster und verkürzen diese um ca. 1 m. Die Fassaden des östlichen Querhauses mit polygonalem Chor und im Süden mit anschließender Sakristei sind ebenfalls steinsichtig belassen worden. Auf Gestaltungselemente, wie z.B. Lisenen, Spitzbogenfriese oder Strebepfeiler zugunsten einer stärkeren Plastizität des Baukörpers, wurde fast ganz verzichtet. Lediglich der 1 m hohe Sockel und das Traufgesims (Putz) werden verbindend um das Lang- und Querhaus und den Chor geführt. Zwischen dem Chorhaupt und Querhaus sind auf quadratischem Grundriß Anbauten (Vorchor) eingebunden, deren Fenster auf einem Gurtgesims ruhen. Die Mauerflächen werden im wesentlichen durch die spitzbogigen neugotischen Fenster bestimmt. Die Fenster des Querschiffes sind in der südlichen und nördlichen Stirnseite mit dreibahnigem Maßwerk versehen. In den östlichen und westlichen Querschiffwänden befinden sich einbahnige Fenster mit Kleeblattabschluss. Die Fenster im Chor und den Anbauten besitzen zweibahniges Maßwerk, das im Spitzbogen mit zwei Dreipässen und einem Vierpaß abschließt. Die Sakristei reicht 1,16 m über die Flucht der südlichen Querschiffwand hinaus und besitzt einen östlichen Zugang. Ihre drei bleiverglasten Fenster bestehen aus einfachen Spitzbogenfenstern ohne Maßwerk. In der Westwand des Querschiffes befinden sich im Süden und im Norden ein rechteckiges hölzernes Nebenportal. Das verschieferte Dach hat nach Süden mehrere kleine Fledermausgauben.


Innen:
Im Inneren spiegeln sich deutlich die drei Bauphasen der Kirche wieder: der Turmbereich, das einschiffige Langhaus und die Altarzone, die im Vierungsbereich beginnt. Das Erdgeschoss des Turmes hat einen Grundriß von 4,55 m x 4,55 m, liegt drei Stufen unter dem Fußbodenniveau des Langhauses und besitzt ein einfaches Kreuzgratgewölbe. 1972 gestaltete man diesen Raum als Taufkapelle und Gedächtnisstätte neu. Zum einen gedenkt man hier der Opfer beider Weltkriege und zum anderen der in Kuchenheim geborenen und in St. Nikolaus getauften Widerstandskämpfern gegen das NS-Regime, des Schriftstellers Heinrich Ruster (* 14. Oktober 1884, † 23. Oktober 1942 im KZ Sachsenhausen) und des Medizinstudenten und Mitgliedes der "Weißen Rose" Willi Graf (* 2. Januar 1918, hingerichtet am 12. Oktober 1943 im Gefängnis München-Stadelheim). Eine Gedenktafel weist auf ihr Martyrium hin. Der Raum erhält sein Licht von den kleinen Fenstern in der Süd- und Westwand. Das westliche Rundbogenfenster zeigt den Erzengel Michael; das südliche Spitzbogenfenster über dem neugotischen Taufstein (Ende 19. Jh.) nimmt symbolisch Bezug auf die Taufe (Licht, Wasser, Tropfen, Erde). Es wurde 1972 von der Firma Melchior (Köln) nach einem Entwurf von Konrad Schaefer (Bad Münstereifel) hergestellt (gestiftet von Carl-Heinz Koenen). An der Nordseite der Turmhalle befindet sich in einem prächtigen neugotischen Altaraufsatz (Holz, 1898) das Bildnis der Muttergottes "Zur immerwährenden Hilfe", das zum stillen Gebet einlädt.

Ein gotischer Spitzbogen öffnet die Turmhalle zum Langhaus, das in seiner Gestaltung dem schlichten Äußeren entspricht. Sein Grundriss hat im Lichten die Maße 20 m x 14 m. Die 10 m hohe Flachdecke, die den einschiffigen Kirchensaal überspannt, verläuft seitlich in Hohlkehlen; diese werden über den acht Spitzbogenfenstern durch Stichkappen unterbrochen. Weiße Rippen, die die gegenüber liegenden südlichen und nördlichen Stichkappen miteinander verbinden, unterteilen die hellgrau gestrichene Decke in fünf Felder und erwecken so den Anschein einer Vier-Jochigkeit. Die Rippen umschließen in der Deckenmitte ein ellipsenförmiges, ornamentales Schmuckmedaillon. Die großen Spitzbogenfenster mit abgeschrägten Sohlbänken werden von spitzbogigen Blendarkarden eingefasst. Ein eingezogener spitzbogiger Triumphbogen mit zwei seitlichen kleineren Durchgängen trennt den Kirchenraum vom Querschiff und Chorbereich. Die Grundrissmaße im Querschiff betragen 19 m x 6,20 m. Das Querschiff besteht aus insgesamt fünf Jochen mit abgestuften Kreuzgratgewölben, die durch Gurtbögen voneinander getrennt sind. Die Last des Gewölbes übernehmen zwei Säulen mit vergoldetem Rankenfries sowie die seitlichen vergoldeten Blattkonsolen. An der Süd- und Nordseite dominiert je ein 4,50 m hohes dreibahniges Maßwerkfenster. In der um zwei Stufen erhöhten Vierung steht - im Mittelpunkt einer kreisförmigen Marmorintarsie des Bodenbelags - der Zelebrationsaltar und nördlich hiervon der Ambo. Der Chor, der die Bodenhöhe der Vierung übernimmt, besteht aus einem Vorchorjoch mit zwei Chornebenräumen und der Apsis, die im 5/8-Schluss endet. Die beiden quadrstischen Chornebenräume nehmen die Seitenaltäre auf. Der anschließende polygonale Chor misst in der lichten Tiefe 4,50 m und in der Breite 6,50 m. Sechs Gewölberippen steigen diagonal zum Scheitelpunkt des gemauerten Chorgewölbes auf. Sie ruhen auf vergoldeten Blattkonsolen in halber Fensterhöhe zwischen den fünf zweibahnigen Fenstern, die den Raum belichten. Den Mittelpunkt des Chores bildet der neugotische Hauptaltar. In der südlichen Apsiswand führt eine Tür zur Sakristei.


Ausstattung:

Fenster:
Eine Besonderheit der Kuchenheimer Pfarrkirche stellen die fast vollständig erhaltenen neugotischen Buntglasfenster aus dem Fin de Sieclé dar. Die Fenster des Langhauses, die die acht Seligpreisungen zum Thema haben, wurden 1894/95 von der Firma F. Melchior (Köln) hergestellt. Der Bildaufbau ist bei allen Fenstern identisch. Die im Mittelteil befindliche Darstellung wird oben von einer Dreipaß- und unten von einer Vierpassblende begrenzt. Ein florales Band bildet den äußeren Rahmen. Ornamentale und florale Motive runden die gesamte Komposition ab. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Bildzyklus insgesamt beschädigt, so dass eine Notverglasung vorgenommen werden musste. 1948/49 restaurierte und ergänzte die Firma Melchior (Köln) einige Fenster. Die zwei westlichen Fenster oberhalb der Orgelempore mussten vollständig neu gestaltet werden. Die ebenfalls neugotischen Fenster des Querschiffes und des Chores (Weihnachten, Dreifaltigkeit und Pfingsten) wurden 1910 von der Firma Heinrich Oidtmann (Linnich) geschaffen. Besonders eindrucksvoll und prächtig sind die großen dreibahnigen Figurenfenster (St. Sebastianus und St. Nikolaus) auf der Süd- und Nordseite des Querschiffes, die den eigentlichen Schmuck des Querschiffes bilden. Die spitzbogigen Fenster sind mit Maßwerk und in Bandeisen gefasst, wobei die zentrale Darstellung von verschiedenen gotischen Architekturelementen eingefasst wird.

Altäre:
Der Hauptaltar, in Form eines gotischen Flügelaltares, wurde 1910 von dem Bildhauer Peter Kürten (Köln) geschaffen. Er thematisiert den schmerzhaften Rosenkranz. Der rechte Nebenaltar im südlichen Choranbau ist dem hl. Josef geweiht. 1911 wurde er " z[um]. Andenken a[n]. Jose[ph]. Jansen v[on]. d[en]. Geschw[istern]. Jansen." gestiftet. Im Zentrum steht die Skulptur des Heiligen, dem Winkelmaß und Lilienzweig als Attribute beigegeben sind. Korrespondierend zum Josefsaltar steht im nördlichen Choranbau der Marienaltar. Die Nebenaltäre, die auch von Peter Kürten gestaltet worden sind, sind vom Querhaus durch die frühere Kommunionbank abgetrennt, die reiches gotisches Maßwerk aufweist. Medaillons zeigen einen Pelikan (vor dem Josefsaltar), der seine - von ihm getöteten - Jungen mit seinem eigenen Blut wieder zum Leben erweckt, und den Phönix (vor dem Marienaltar), der sich selbst verbrennt und aus der Asche neu aufsteigt. Beide Vögel sind Teil der christlichen Tiersymbolik; der Pelikan erinnert an den Opfertod, der Phönix an die Auferstehung Christi. Vor dem Hauptaltar steht im Vierungsbereich der moderne Zelebrationsaltar, den 2000/01 der Künstler Paul Nagel (Köln) schuf. Die 12 Bronzesäulen, auf denen die Mensa ruht, symbolisieren die 12 Apostel bzw. die 12 Stämme Israels. Zu den Füßen des Altares finden sich Tiersymbole; an der Südseite erinnert ein Hahn an den hl. Petrus, der seinen Herrn, ehe der Hahn krähte, dreimal verleugnete. Er steht auf fünf Nägeln, die für die Wunden Christi stehen. An der Nordseite finden sich zwei Tauben. Die Ähre und die Traube, die sie jeweils mit ihrem Schnabel halten, symbolisieren das Alte und Neue Testament. 


Figuren:
In der Kirche befinden sich auch einige bemerkenswerte Holzfiguren aus der Barockzeit, wie z. B. eine hölzerne Sebastianskulptur aus der 2. H. 17. Jh. auf der südlichen Konsole an der östlichen Langhauswand und auf der nördlichen Konsole der hl. Nikolaus um 1750. Des Weiteren eine Holz - Pietà aus der 1. H. des 18. Jh. auf einem schlichten neugotischen Altarunterbau an der Westseite der Turmhalle (Taufkapelle), unterhalb des Michaelsfensters.

Kreuzweg:
Vom Ende des 19. Jh. stammen die 14 Kreuzwegstationen. Die auf Kupfer gemalten Bilder im Nazarenerstil (72 cm x 49,5 cm) stellen den Leidensweg Christi vor einem goldfarbenen Hintergrund dar und sind in eine neugotische Holzrahmung gefasst (1,53 cm x 74 cm).

"Schorn-Orgel":
Der Kuchenheimer Orgelbauer Franz-Joseph Schorn (1834-1905) bekam 1895 den Auftrag, die vorhandene Orgel umzubauen und zu vergrößern. Er unterbreitete dem Kirchenvorstand einen Kostenvoranschlag, der die Übernahme von neun alten Registern in einem 19stimmigen Werk vorsah. Beim Orgelumbau entschied er sich allerdings dafür, 20 neue Register einzubauen. 1982 wurde die Orgel von der Firma Josef Weimbs (Hellenthal) restauriert und instand gesetzt. Aufgrund der besonderen Schorn´schen Bauweise wurde diese Orgel, die stilistisch im Geist der musikalischen Romantik steht, als einzigartiges Zeugnis für die handwerklichen Techniken des 19. Jh. vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege (Bonn) unter Denkmalschutz gestellt. Der dunkle Holzton des neugotischen Orgelprospekts mit drei Wimpergen hebt sich kontrastierend von den hellen Wandflächen ab. Die Orgelbühne stützen zwei klassizistische Säulen mit dorischen Kapitellen und zwei Pilaster. Die Brüstung erstreckt sich über die gesamte Breite des Kirchenschiffes und ist mit einer neugotischen Blendarkatur geschmückt. Die barocken Weihwasserbecken (roter Marmor, 18. Jh.) unterhalb der Orgelbühne stammen vermutlich aus der Vorgängerkirche.

Glocken:
Zwischen 1950 und 1952 wurden von der Glockengießerei Petit und Gebr. Edelbrock (Gescher) die heute vorhandenen vier Glocken gegossen. Die Vorgängerglocken wurden 1917 und 1942 zu Kriegszwecken konfisziert. 1950 wurden die Carolus-Boromäus-Glocke und die Josephsglocke angeschafft. 1951 stiftete die Kuchenheimer Tuch- und Kleiderfabrik Koenen die Marienglocke. Die vierte Glocke, die den Kirchenpatronen St. Nikolaus und St. Sebastianus geweiht ist, wurde 1952 gegossen.